Stage 2
St. Goar - Worms
119,23 Kilometer; 06:07:23 Stunden 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

„Scheiße, ich habe vergessen, mir die Nippel abzukleben“;
Tage die schon mit solchen Statements von einem der Tourteilnehmer beginnen,
können eigentlich nur noch blutig, ermüdend und auch lustig werden.

Selbstverständlich werde ich weitere Details über Nippel und Ärsche für mich behalten und nicht den jungfräulich

Gut gelaunt in der Früh: das Starterfeld nach dem Frühstück...

weißen Tagebuchseiten vor mir anvertrauen, dafür aber so einiges von Wind und Wetter (ich weiß; „laaaaaaaaaangweilig“) zu berichten haben – und auch absolut jugendfrei dürfen.

Nachdem die entspannte Nachtruhe im 10er Dorm (aber unser!) mit dem morgendlichen Highlight eines 1a-Frühstücksbuffets getoppt wurde, es niemanden interessierte, dass Herbert keinen aktuellen JH-Ausweis besitzt und wir brötchenstopfend noch eine Kölner Studentin trafen, die genauso wie wir mit der Vieze durch Deutschland radelt, begannen wir, den Rhein entlang zu ackern.

Gleich nach zwei Kilometern standen wir jedoch schon wieder zum Fotoshooting an der Loreley, die ja „eigentlich auch nichts Besonderes ist“ (Zitat Frank, Zustimmung aller). Fortan erfreuten wir uns dann am geschlängelten Verlauf des Rheins, was uns recht abwechslungsreich mit Wind aus allen Herren Richtungen zusammenführte, je nachdem, wie wir gerade zur grauschwarzen Masse über unseren Köpfen standen.

...und unterwegs, begleitet von einer Kölner Studentin, die uns den Vormittag über begleiten sollte.

Glücklicherweise blieb das Wetter jedoch wie die akute Terrorismusgefahr im tiefsten Texas. Subjektiv empfanden wir uns stets als höchst gefährdet und es schien, als würde der Osama bin Laden der Wettergötter hinter jeder Windung auf uns lauern, objektiv betrachtet passierte aber gar nichts. Etwas Regen gab es nur, als wir in Bingen am Rheinufer unter einem angenehm blattreichen Baum pausierten und recht indifferent dem kurzen Wolkenerguss vor unseren Nasen zuschauten, bevor es diverse Leckerlis später wieder auf die etwas matschige Piste entlang des Rheins ging. Ganz anders 2001, als Frank und ich auch schon einmal durch Bingen radelten und Barcelona das Endziel unserer Träume war. Damals hatte sich eine von Franks Speichen verabschiedet, sich dafür einen Sonntag ausgesucht und uns ziemlich auf dem Schlauch stehen lassen, da natürlich in Bingen kein offener Radladen zu finden war. Irgendwie hielt das Rad dann jedoch noch bis ein Dorf weiter, wo wir dann, davon ausgehend, dass Ladenbesitzer in Dörfern immer über Läden wohnen, einen hilfsbereiten Schrauber auftreiben konnten, der unser Weiterkommen kurzfristig sichern sollte (diverse Speichenbrüche später gab es dann in Frankreich ein komplett neues Hinterrad; Link Bingen 2001 ).

Rund dreißig Minuten nach Bingen verließ uns dann auch unserer Begleiterin aus Köln, die heute Mainz oder sogar Frankfurt erreichen wollte und dafür weiter dem Rheinverlauf folgte. Wir hingegen bogen ins hessische Hügelland und direkt in den Wind ab. Nach Burger King am gestrigen Tage war heute McDonalds nach sechzig Kilometern in Nieder-Olm Station für unsere Mittagspause, wo Herbert feststellte, dass es „schon verwunderlich (ist), wie weit man nach eineinhalb Tagen gereist sein kann“. Keine falsche Zwischenbilanz in Anbetracht der „Fremde“, wobei gerade McDonalds-Filialen sicherlich der denkbar schlechteste Ort der Welt sein könnten, um das Erreichen irgendeiner Art von „Fremde“ zu glorifizieren. Herbert stellte zwar auch noch fest, dass kaum, sobald man aus Köln heraus ist, auch wieder Deutsche hinter den Burgertresen stehen, aber ob das wirklich als Charakteristika des Fremden herzuhalten vermag, darf bezweifelt werden. Bei McDoof in Neu Dehli wären auch alle einen Kopf kleiner als ich, wesentlich besser in Mathematik und selbst bei sechzig Arbeitsstunden die Woche reich an subjektiv wahrgenommener Freizeit, aber der McChicken wäre immer noch ein McChicken. Globalisierungsglorifizierer wie Michael Veseth (sehr lesenswert: „Globaloney: Unraveling the Myths of Globalization“) würden zwar stolz die Meinung vertreten, dass McDoof ja auch stets ein regional geführtes und betriebenes Franchiseunternehmen mit tiefreichenden, lokalen Wurzeln ist und somit alles auch nur halb so schlimm sein kann, wie es Globalisierungsgegner immer braten, aber auch darüber kann man gerne und lange diskutieren. Busenkumpel Thomas Friedman, weltbekannt für seine New York Times Kolumnen, die man leider nicht mehr umsonst lesen kann, würde sicherlich gleich schreien, dass McDonalds und die Globalisierung mitsamt aller Chancen zum Brot-, oder Burgererwerb sogar gerade eine Chance wären, traditionelle Kulturen durch die erzielbaren Einkünfte zu finanzieren, aber wie widersprüchlich dies schon in sich ist, kann man auch gerne im insgesamt auch wieder sehr interessanten „The Lexus and the Olive Tree“ von Friedman lesen.

Nun gut, wir waren bei rund sechzig Kilometern, Burgern, Pommes und Soft Drinks. Herbert schaffte nicht einmal sein Mahl (McTasty Chicken Maxi, 6er Nuggets und Mozarella-Sticks „schweineteuer aber geil“) und allein das Wissen, dass es noch einmal rund sechzig Kilometern bis zum Ziel sein würden genügte, jegliche Tischgespräche zum Erliegen zu bringen. Verdrossen dösten wir vor uns her, schielten argwöhnisch zum Firmament hinauf und brachen um halb vier am Nachmittag wieder auf, um die zweite Halbzeit ins Visier zu nehmen.

„Sobald es etwas Arbeit wird, gehe ich kaputt“, murmelte Herbert an nicht nur einem der Anstiege, die im hessischen Hügelland auf uns warten sollten. Franks „Du lässt es heute aber auch ruhig angehen“ fand ich hingegen nur mäßig lustig, als ich marginal schneller als Herbert einen Hügel hinaufkrampfte, da das Knie nach wie vor ordentlich bockte.

Das rechte Knie, gestern schon recht unkomfortabel schmerzend, fühlte sich zwar heute etwas besser an (oder alles andere etwas schlechter und das Knie somit relativ besser), aber sollte erneut die Schwachstelle bei der nicht ganz

Abends im Hostel: Sonne!!!

unwichtigen Kraftübertagung zum Pedal werden. Keine Ahnung, wie ich in eineinhalb Monaten heil über die Alpen kommen soll, aber Frank scheint trotz einer bislang wirklich kümmerlichen Preseason wirklich schon relativ fit zu sein.

Um die Strapazen des Tages noch zu toppen, juckelten wir die letzten dreißig Kilometer noch direkt in den Wind. Da erfreute man sich auch kaum an der eigentlich ganz schönen Alleenstraße…

Wirklich gut war, dass sich am Ende des durchwachsenen Tages in Worms endlich einmal die Sonne hervorwagte und das Camperherz höher schlagen ließ. Leider nur kurzfristig, denn kniehohes Gras auf dem Campingplatz sowie bessere Stallgebäude als ehemalige Duschen auf der geschlossenen Anlage direkt am Rhein führten dazu, dass wir am Ende doch wieder trotz eigentlich feinstem Wetter (gemessen am Restniveau des bisherigen Jahres) in einer Jugendherberge einchecken durften. Somit ist zumindest ein nettes Frühstücksbuffet für morgen früh gesichert…