Stage 1
Bonn - St. Goar
102,6 Kilometer, 5:10:19 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

1. Eintrag: Osnabrück, 19:20 Uhr

Der Wind spielt mit den wehrlosen Blättern wie ein Bullterrier mit einem Kleinkind, der graue Himmel spiegelt sich in den Pfützen auf dem ebenso grauen Beton des Osnabrücker Bahnsteigs und mir ist kalt.

Ab in den Wind: Abfahrt aus Bonn!

Wohlwollend geschätzt könnten es im Moment zehn bis zwölf Grad sein, zusammen mit dem Wind und dem bestialischen Regen also genau jene Begebenheiten, die man nun gar nicht mit einer bevorstehenden Fahrradreise assoziieren mag.

Vor etwas mehr als einer Woche wusste ich auch noch gar nicht, dass die diesjährige Radsaison schon am 19. Mai richtig beginnen würde. Herbert, ein Mitazubi aus meiner Zeit als Versicherungskaufmann in Köln vor vielen Jahren (99-01), war gerade bei mir im hohen Norden, in Oldenburg, zu Besuch, wir radelten zwei Tage durchs sonnige, platte Land, genossen Wetter vom Feinsten und Herbert berichtete von seinen bevorstehenden Plänen.

„Nürnberg“, meinte er, beziehungsweise genauer „Gunzenhausen. Bei Nürnberg“, denn Gunzenhausen wäre das Ziel seiner demnächst bevorstehenden ersten größeren Tour des Jahres 06. Vom Traumwetter geblendet und angestachelt sowie vom schlechten Gewissen (Examenssemester) geplagt sinnierte ich einige Tage darüber nach, mit ihm mitzufahren, konnte dann allerdings nicht „nein“ sagen, weshalb ich jetzt hier sitze und friere. Ich sagte zu, freute mich tierisch und zweifele jetzt im Moment doch ein bisschen daran, ob ich nicht meinem akademischen Werdegang den Vorrang hätte lassen sollen.

Gezeltet soll werden – eine absolute Premiere auf Radtouren für mich, da ich bislang entweder immer radelte oder zeltete, aber noch auf keiner Tour das Zelt systematisch bevorzugte. Zwar gab es schon diverse ungeplante Außenübernachtungen auf Baustellen oder in Baracken, aber eine kombinierte Zelt- und Radeltour schreckte mich bislang immer etwas ab, da ich die Plackerei eines Tages auf dem Sattel bislang immer gerne mit einem Bett für die Nacht kombiniert wissen wollte.

Sportlernahrung in Andernach: Zwischenstopp bei Burger King

Nun gut, jetzt soll gezeltet werden, das Rad ist noch etwas schwerer bepackt als sonst und ich starre zweifelnd gen Himmel. Morgen soll es nur „pissen“, nächste Woche (heuer haben wir Freitag) zumindest trockener werden – aber dafür bis zu sechs Grad kalt (Nachts; tagsüber immerhin 12-14).

Regenpause nahe des Deutschen Ecks in Koblenz...

In Neuseeland würde ich jetzt pauschal erst einmal gar nichts von dem glauben, was die Wetterfrösche so prophezeien, aber leider hat sich der deutsche Wetterdienst in den vergangenen Wochen meistens ein exzellentes Bild vom bevorstehenden Wetter machen können – schön für das Ego der Wetterfrösche, schlecht für meine Vorahnung, was wirklich droht.

Aber egal. Wir werden radeln bis der Schnupfen uns ausbremst (heute extra noch eine Packung Vitamin C gekauft), die etwa zwanzig Kilo Gepäck bestehen zu nicht unerheblichen Teilen aus warmen Klamotten für kalte Zeltnächte und der Regen wird uns auch wenig anhaben können – es ist ja nicht so, als wäre es noch nie feucht gewesen.

Bleibt zu hoffen, dass es auch feuchtfröhlich wird…

 

Zweiter Eintrag, abends in St. Goar:

St. Goar: wahrscheinlich sogar weltbekannt für seine Kuckucksuhren; hier die größte, freihängende, handgeschnitzte Kuckucksuhr der Welt...

1000+ Kilometer bisherige Saisonvorbereitung und nichtsdestotrotz bin ich platt. Platt von 103 Kilometern den Rhein hinauf, ständig in den stürmischen Wind hinein, oft feucht und selten warm.

Widrige Umstände – anders kann man die äußeren Umstände heute kaum titulieren. Der Wetterbericht war heute früh zwar rund 200% besser als gestern (Regenwahrscheinlichkeit laut wetter.de von 99% auf 97% gesunken), mir schwante allerdings schon höchst Böses, als Herbert und ich nach einem extrem leckeren English Breakfast bei Bekannten von Herbert am Rhein auf Überraschungsgast Frank warteten und ich mit erstarrter Miene dem Spiel der Wolken zuschaute.

„Ist der Arsch wieder da“, begrüßte Herbert gerade mit seinem Melkfett in der Hand vom Klo kommend Frank, den es eben noch bis zur Burg Rheinfels hoch über St. Goar, unserer ersten Zwischenstation, hinaufzog. Unsere Jugendherberge liegt etwas unterhalb der zum teuren Hotel umfunktionierten Burg St. Goars, der Heimatstadt wundervoller Kuckucksuhren, die auf solvente Gäste aus Welt zu Gast bei geldgierigen Freunden warten; Gäste, die zwischen 500 und 4500 Euro zuviel bei sich tragen und auch zu Hause deutschen Kitsch haben möchten.

Frank? Genau, der Herr Schumacher, oben schon als „Überraschungsgast“ erwähnt, entschloss sich spontan, meine Saisonvorbereitung und Herberts Urlaub aus nächster Nähe zu inspizieren und sich für drei Tage in die Tour einzuklinken, was heute wirklich eine win-win-win-Situation war, da jeder Windschattenproduzent heute zum gern gesehenen Gast wurde.

„Du Sau“, schnauzt Frank jetzt („ich tu doch nicht noch `nen Bettlaken über `nen Bettlaken, haben die den Arsch offen?“; Herbert im Hintergrund) Herbert an, der sich über Franks bevorstehendes Fönmanöver lustig macht – offensichtlich fehlt es Herbert noch an ausreichender Tourexpertise, um den unermesslichen Wert eines Föns am Ende feuchter Tage ausreichend zu huldigen. Es stinkt, funktioniert aber…

Aber egal, lustig war es heute eigentlich die ganze windige Zeit, selbst als die Temperatur bis auf 11 Grad absank und es in Strömen auf uns herabgoss, was zum Glück nur auf den letzten zwanzig Kilometern wirklich unangenehm geschah, da wir die anderen heftigen Schauer des Tages entweder wohl geschützt bei Burger King in Andernach oder in einem Hauseingang nach 66 Kilometern in Koblenz verbrachten.

Nicht nur Regen: wenige freundliche Minuten am Rhein mischten sich auch zwischen die feuchten Streckenabschnitte...

Wirklich brutal war jedoch weder der Regen noch die niedrige Außentemperatur oder gar die Tagesdistanz – wirklich brutal war einfach nur der Wind, der Herbert auf einer Rheinbrücke nahe des Deutschen Ecks in Koblenz sogar „beinahe kaputt“ gemacht hätte. Zum Glück ist bei ihm noch alles dran. Zumindest hatten wir, diversen Rheinkrümmungen sei dank, zumindest auf den letzten drei oder vier Kilometern des Tages auch erstmals Rückenwind. Danke…

Was bleibt zur Form zu sagen? Wenig Gutes, Vorbereitungskilometer hin oder her. Das rechte Knie schmerzt, mir scheint, als würde ich die wohl vorhandene Kraft nur mit einem Bein ins Pedal bekommen und oftmals schien es, als wären Herbert und vor allem Frank wesentlich besser in Form. Eigentlich auch total egal, aber nur wenige Wochen vor der großen Tour durch die Alpen hätte ich mir einen ganz anderen Tourauftakt gewünscht.

Thema zelten: Verweis aufs Wetter. Nööö, nööö.