Stage 8
St. Martin - St. Etienne
 109,58 Kilometer;  06:08:11 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Frank Schumacher (schumi14@web.de)

Etappe 8:

 

 

 

 

St. Martin (1.050m.) - St. Etienne (1.237m.)

 

 

 

 

Kategorie:

Bergetappe

 

Höhenmessung:

 

Länge:

109,58

 

rauf:

2.932

Zeit:

06:08:11

 

runter:

2.726

Speed:

 

 

Peak:

2.802

max:

58,6

 

Steigung rauf / runter:

 

average:

17,8

 

max:

17% / 14%

gefahrene Pässe:

 

 

average:

7% / 6%

Col de la Cayolle

2.327

1.327

21

6,32%

Cime de la Bonette

2.802

1.605

28

5,73%

 

Das Zimmer im „kein-Sterne-Hotel“ ist schön in saftigen Blautönen gehalten, wie um dumpf darauf hinzuweisen, das Nizza und das Mittelmeer nur noch 90 Kilometer entfernt sind. Auch das dazugehörige Dorf St. Etienne macht schon einen recht mediterranen Eindruck. Das ist aber alle nur Fassade: Tatsächlich markiert dieses Dörfchen den Endpunkt der härtesten Bergetappe, die ich jemals gefahren bin!

Aber der Reihe nach: Früh kam ich aus dem Bett meiner Billigunterkunft in St. Martin. Nach dem üblichen Frühstück (eimerweise Marmelade mit ein wenig Weißbrot) packe ich meinen um einige 100 Gramm erleichterten Rucksack (alte, dreckige Socken, Unterwäsche und T-Shirts bleiben hier) und bin um kurz vor neun wieder auf der Route. Fieserweise legt die Steigung kaum 100 Meter hinter dem gestern Abend noch erreichten Punkt gleich kräftig zu, so dass mit gemütlichem Einrollen erst mal Essig ist. Stattdessen fordern sofortige 12%-Rampen ihren Tribut, schon ist das erst Gelpack vertilgt. Entschädigung erfolgt  durch eine tolle Straßenführung, die mich bald rechts, bald links steil am Hang entlangführt. Oberhalb von Entrenc ziehen sich die Talwände immer dichter zusammen, es geht in die finale Wand. Murmeltiere feuern an oder pfeifen mich einfach nur aus; genau weiß ich das nicht, keines der scheuen Wesen lässt sich interviewen. Ich erreiche die Passhöhe in unter zwei Stunden reiner Fahrtzeit um kurz nach elf, mache Fotos und ziehe mich routiniert zur Abfahrt um. Bisher lief alles nach Plan.

Die Fahrt ins Tal ist rassig und verläuft zunächst weitgehend auf schmalen, schlecht geteerten Straßen, später kommt ein bisschen mehr Teer ins Spiel und man fliegt zwischen Steiwand und Abgrund dahin – ein Heidenvergnügen! Auf ca. 1.700hm geht der Blick nach rechts, wie erwartet droht da in ca. 10km Entfernung und ca. 1.000 Meter höher der Cime de la Bonette. Aber getreu dem Motto „was ich sehen kann, da kann ich auch hinfahren“ spornt der Anblick eher an.

Barcelonette wird passiert, die anschließenden flachen 10 Kilometer bis Jausiers spule ich auf dem Triathlonlenker ab. Jetzt stehe ich um 12:40 am Eingang zum Bonette und fälle die Entscheidung des Tages: Heute oder lieber morgen? Die frühe Stunde und der nur leicht bewölkte Himmel geben des Ausschlag: Go! Der verlockende Badesee wird links liegengelassen, ich kämpfe mich in die beinahe sofort beginnende Steigung hinein.

Von 1.220m geht es auf über 2.800m nach oben, auf 24 Kilometern! Was diese Belastung bedeutet merke ich schon nach 300 absolvierten Höhenmetern, der nächste Gelpack und zwei Aspirin gegen pochende Knie müssen her. Die Sonne brennt unbarmherzig, es gibt keinen Schatten und die Straße zieht sich endlos hin, keine Serpentinen in Sicht. Ein Dutzend Fliegen umschwirren mich wie bekloppt, allein dies schon ein Grund möglichst schnell nach oben zu kommen, über die Flughöhe der Biester.

Bei 1.700hm beginne ich an der Machbarkeit des Unternehmens zu zweifeln; selbst das als Halbzeitziel auserkorene „Halte 2000“-Restaurant erscheint unfassbar weit weg. Bei alledem liege ich fantastisch in der Zeit, es sind gerade mal 14 Uhr, der Körper sieht das allerdings andres und behauptet „5 vor 12“. Irgendwie schaffe ich es aber noch bis zur Raststätte, zwei Cola mit Aspirin machen müde Krieger wieder munter. Andere Radfahrer sind zwar auch da, aber anscheinend alle auf dem Weg nach unten; ich bin der einzige „Aufsteiger“ hier. Schade eigentlich, ein bisschen Gesellschaft hätte jetzt gut getan. Die Wolken am Himmel werden derweil wieder zahlreicher, noch sind aber keine grauen dabei.

Nach einer halben Stunde Pause schwinge ich mich wieder in den Sattel, mein Plan dabei: Die nächsten 300hm zu schaffen bevor der Körper überhaupt merkt dass er schon wieder arbeiten muss. Das schlägt grandios fehl und resultiert ab 2.200hm in beschleunigtem Atem und bohrenden Kopfschmerzen (wo dank der Bayer AG eigentlich Ruhe sein sollte). Ich nehme ein bisschen Tempo raus und glaube für einen Moment mich übergeben zu müssen. Die Straße schwenkt mal nach links, mal nach rechts, ist ab hier nun kaum hundert Meter weit sichtbar und nur in ihrer Steilheit berechenbar. Auf 2.500 Metern über dem Meer wieder ein Stopp; diesmal haben die Lungen keine Bock mehr. Ich pumpe 10,15 Mal schnell ein und aus, nicht mal willentlich, es passiert einfach so; es scheint aber kaum Sauerstoff dabei rumzukommen. Erst nach einer halben Ewigkeit normalisiert sich die Atmung wieder, ein Phänomen, dass ich bis zum Gipfel noch ein gutes halbes Dutzend erleben darf.

Als Radler bin ich weiterhin alleine auf weiter Flur, auch von oben kommt nix mehr nach. Motorradfahrer überholen, einer bremst ab und reckt den Daumen nach oben; nette Geste. Drei Kehren weiter steht die ganze Gruppe am Straßenrand Spalier für meine Vorbeifahrt, der Daumen-hoch-Typ wirft sich andeutungsweise in den Staub. Ich muss nun doch ein wenig grinsen, auch wenn die Beine brennen und die Lunge ächzt. Und dann lässt der erbarmungslose Griff der Straße nach, ab 2.700m verflacht sie zusehends, hinter der letzten Biegung kommt endlich der dunkelgraue Kegel des Cime in Sicht. Bis dahin bleibt die Sache auch angenehm flach, aber mein Gott, der Ring ist mördersteil! Der sah von unten viel flacher aus! Tatsächlich braucht man für diese letzten Meter noch mal alle Kraftreserven.

Kurz vor dem Kulminationspunkt kommt die Mopedgang von hinten, der Spaßvogel fährt langsam neben mir her, brüllt irgendwas französisches, feuert mich wohl an, fährt dann aber doch voran. Er wollte wohl nicht bei 7 km/h umkippen mit seiner Maschine. Oben gibt’s dann aber ein großes Hallo, er nennt mich „Maitre“ und lässt natürlich auch den Lance-Vergleich vom Stapel. Vor allen Dingen aber macht er ein paar nette Fotos von mir und dem Gipfelstein, bevor ich endgültig aus den Latschen kippe. Da stehe ich nun, auf dem Dach meiner persönlichen Höllentour, und schaue auf Dutzende von Gipfeln herab. Und bis Nizza geht’s nur noch bergab! Der Höhenmesser steht bei 17.000 Metern total, 3.500 mehr als im letzten Jahr in der Schweiz.

Ich lasse das alles erst mal auf mich wirken, ziehe mich dann langsam um und beginne noch den Aufstieg zum wirklichen Gipfel, 60 Meter höher gelegen. Hier ist die Aussicht noch mal eine Ecke grandioser, nur noch 120hm fehlen bis zur großen Drei. Naja, vielleicht bauen sie irgendwann ja auch noch mal einen Turm hierhin, wer weiß?

Die dann folgende Abfahrt ist zunächst der Knaller des Monats, alles ist frisch geteert und es fährt kein Auto. 800 Höhenmeter weiter unten hat die Herrlichkeit dann aber ein Ende und ich holpere St. Etienne entgegen. Dort angekommen wäre ich eigentlich in bester Stimmung richtig Kohle für eine Nobelherberge auszugeben, es finden sich aber nur Absteigen. Auch gut, vielleicht klappt es morgen in Nizza mit dem Ritz!