Stage 9
Klosters - Santa Maria
81,89 Kilometer; 4:44:29 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Frank Schumacher (schumi14@web.de)

Erster Eintrag:

Quizfrage: Wie beschissen kann ein Tag losgehen? Als ich mich mit den schlimmsten Befürchtungen bewaffnet auf den Weg machen wollte, war erst mal der Vorderreifen platt (über Nacht?). Vor den Augen der beiden Berliner durfte ich dann nervös mit dem Ersatzschlauch hantieren und mit meiner Aldi-Luftpumpe versuchen, ansatzweise Rennradreifendruck zu erzeugen. Endlich auf der Straße fiel mir dann auf, dass ich meine Handschuhe an der Jugi vergessen hatte. Die anderen zwei fuhren (sichtlich beeindruckt von so viel „Professionalität“) schon mal weiter, ich indessen den steilen Anstieg zur Herberge wieder hoch. Problem nur: Hier lagen die Dinger auch nicht! Gefunden habe ich sie dann schließlich im Rucksack, den ich die ganze Zeit auf dem Rücken gehabt hatte...der geneigte Leser wird verstehen, warum ich am liebsten direkt wieder ins Bett gekrochen wäre. Aber nix da! Fluchend machte ich mich an die Verfolgung....

...und das Wunder geschah: Anders als gestern nahm ich am Wolfgangpass (von ca. 1.100m auf 1.600m) von Anfang an Tempo weg und fuhr mit ca. 10 km/h, wo auch 12-13 km/h möglich gewesen wären. Man fühlt sich dabei zwar nicht unbedingt wie Pantani, aber dafür geriet ich auf der gesamten Strecke auch nicht einmal aus der Puste. Im Gegenteil: Berliner Nummer zwei (den ich zwischenzeitlich als Ricardo kennengelernt hatte) holte ich auf halber Strecke ein, wir fuhren dann gemütlich nebeneinander her, bis zur zweiten 10%-Rampe, wo ich davonfuhr. Ich kurbelte allzeit gemütlich auf meinem dritten Blatt (Profis haben ja bekanntlich nur zwei, weswegen das „Rentnerblatt“ am Rennrad oft belächelt wird. Ricardo gab allerdings nachher zu Protokoll, dass seine nächste Kurbel auch drei Blätter haben würde!). Doch nicht genug: Knapp 100 Meter vor der Passhöhe schloss ich zu Stef auf, der zugegebenermaßen wesentlich mehr Gepäck dabei hatte. Dennoch: Er war ja mit einem schönen Vorsprung in den Pass gegangen, während ich noch meine Handschuhe gesucht hatte. Ritchie hatte inzwischen auch wieder Anschluss gefunden, so dass wir zu dritt über den Pass rollten.

Nach einer kurzen Abfahrt Richtung Davos ging es gleich wieder links ab in den Flüelapass. Hier zog ich von Anfang an leicht weg und konnte meine Kompagnons bald nicht mehr sehen. 10 km/h waren auch hier zunächst kein Problem, es ging leicht bergan, links und rechts von der Straße türmten sich steile Wiesenhänge auf, nach oben raus wurde es schon richtig steinig und felsig. Insgesamt ein wunderschöner Anblick.

Nach einer kurzen Pause auf 1.800 Metern zwecks Foto und Müsliriegel hängte ich mich wieder bei zwischenzeitlich wieder vorbeigezogenen Berlin-Express an, lag aber bald wieder einige hundert Meter voraus. Diesen Vorsprung rettete ich trotz mehrerer kleiner Pausen (in immer kürzeren Abständen, Mont Ventoux lässt grüßen!) bis ins Ziel. Steigende Wertschätzung war der Lohn, Ritchie meinte „von wegen untrainiert, so ein Bluff!“, Stef empfahl mit sogleich eine Jugi jenseits des Ofenpasses, „so wie du fährst kommst du da locker hin.“ Ich meinerseits revidierte im Stillen mein Urteil von gestern, beide Jungs sind irgendwie doch schwer in Ordnung. Scheinbar war ich gestern abend doch nur schwer angenervt von meinem eigenen Abschneiden. Der Flüelepass war auf den letzten Kilometern ein unerwartet harter Gegner, das Schild auf der Passhöhe entschädigt aber locker für alle Qualen.

Die Abfahrt bewältigte ich nach kurzer Rast alleine, da ich dringend einen Brunnen fürs „free refill“ brauchte (meine 2,5 Liter Wasser hatten sich schon lange erledigt). Im Augenblick liege ich im Schatten in der Ortschaft Susch und mache erst mal ausgiebig Pause.

 

Zweiter Eintrag:

Nie war die Aussage „zwischen zwei Stühlen sitzen“ so passend wie heute. Momentan befinde ich mich an einer Grenzstation zu einem Tunnel ins zollfreie Livignio, links geht die Straße bergauf Richtung Zernez, rechts geht die Straße bergauf Richtung Müstair. Wie kommt das?

Nun, der Ofenpass (2.148m) ist ein fieser Sack. Knapp 700hm liegen zwischen ihm Zernez, wo ich vor gut einer Stunde aufgebrochen bin. Ich war auch schon auf über 1.900 Metern, aber just da brach die Steigung ab, die Straße verflachte und purzelte nach unten weg. Das wußte ich zwar schon, es verschlug mir aber doch die Sprache, wie schnell sich hier mühsam erstrampelte Höhenmeter wieder in Luft auflösten. Der Höhenmesser am Lenker (ich hätte ihn anbrüllen mögen: „Bleib doch stehen!“) tickte mit rasender Geschwindigkeit runter und kam er bei 1.763 Metern wieder zum Stehen. Wunderbar! Also noch knapp 400hm nach oben, inklusive einiger Rampen jenseits der 10%-Marke. Und dabei krampfen die Oberschenkel beim Gehen schon ziemlich.

Dabei war der letzte Anstieg ganz okay. Es ging zwar gleich happig los, ich musste auch schon mehr Pausen machen als am Flüela, aber es lief. Schmetterlinge und Marienkäfer kamen vorbei und setzten sich auf mein Rad (wohl die gelbe Farbe). Verscheuchen wollte ich sie nicht, wozu auch, sie hätten mich ohnehin wieder spielend eingeholt. Dem grünen Leuchtbär am Lenker gefallen eher die Abfahrten, jedenfalls klappert er dann laut. Die Landschaft präsentiert sich eher karg und roh, ist aber imposant genug um vom sturen Pedalen abzulenken.

 

Dritter Eintrag:

Mittlerweile in der nächsten Jugi, rechtschaffend kaputt, aber dennoch besser dran als gestern abend. Kurz noch zum Rest des Ofenpasses: Bei sengender Sonne ging es knapp sieben der verbleibenden 9,5 Kilometer gemächlich zur Sache, die letzten Meter

Abfahrt Ofenpass.

 wurde es dann aber sausteil. Wieder musste ich ca. alle 500 Meter pausieren, nebenbei meldete sich auch erstmals das linke Knie zu Wort (anscheinend Überlastung), so dass ich ohnehin Tempo wegnehmen musste und vorsichtig weiterfuhr.

Mittlerweile ist alles wieder besser, Dusche und warmes Essen haben erneut Wunder gewirkt. Dennoch habe ich sorgfältig überlegt ob ich nicht morgen noch einen Ruhetag einschieben sollte, bevor es dann ans Stilfser Joch geht, habe mich aber letztendlich gegen eine Pause entschieden. Gründe: Die magere Unterkunft, nur Mountainbiker um mich herum, zudem ein recht kleiner Ort in dem nicht viel gebacken ist. Zudem ist absehbar dass ich bald einige Teile am Rad austauschen sollte (Schlauch, Mäntel, Bremsklötze), die wohl nur im

Auffahrt Flueela.

 nächsten größeren Ort, also Bormio, zu bekommen sein werden. Kurzum: Am verflixten dritten Tag rauf aufs Joch, dann sehen wir mal weiter. Die Tendenz ist aber ganz klar, wahrscheinlich werde ich Gavia und Mortirolo zugunsten eines Ruhetages sausen lassen, meine Planung war zwar gut, aber vielleicht doch ein bisschen zu viel des Guten.

Ein letztes Wort zu Landschaft: Auch heute für einen Flachlandtiroler wie mich alles super-eindrucksvoll und auf jeden Fall für die Qualen voll entschädigend. Außerdem ab und an doch noch nette Leute die einem den Daumen entgegenrecken oder winkend grüßen. Aber es gibt auch negatives zu vermelden: Ein Motorradfahrer mit OS-Kennzeichen, dem ich zum Aufstieg gratulieren wollte. Ob ich denn von Fußball reden würde? Da dürfe man ihm nicht mit kommen, er wisse nur, dass man da nicht in den Ball beißen dürfe! Fußballstadt Osnabrück? Forget it!

Auffahrt Ofenpass. ...siehe Schild...

am Wolfgangpass