| Stage 8 |
| Lindau - Klosters |
| 117,86 Kilometer; 4:44:30 Stunden |
Tagebuch während der Tour geführt von: Frank Schumacher (schumi14@web.de)
erster Eintrag:
...erfolgt nach bereits
60 gefahrenen Kilometern in Vaduz, also im Fürstentum Liechtenstein. Es ist
gerade mal 12:15 Uhr und bereits die Hälfte der Strecke liegt hinter mit, wenn
auch nur an den Kilometern gemessen. Aber das Streckenprofil (flach wie der
Verstand von Bohlen’s Freundin) sowie das erhebende Gefühl, das schwerfällige
Trekkingbike gegen meinen leichtläufigen Renner getauscht zu haben, sorgten für
einen Geschwindigkeitsrausch meist jenseits der 30 km/h. Ich genieße das noch
ein letztes Mal, so schnell wird es demnächst wohl nur auf den Abfahrten
zugehen.
Schnell noch ein paar
Worte zu Lindau: Das „Hotel Inselgraben“ lag optimal im Herzen der Insel,
und obwohl sich der Altersschnitt nach unserem Eintreffen in etwa halbiert haben
dürfte sind wir voll auf unsere Kosten gekommen. Neben Schwimmen, faul in der
Sonne (ich) oder im Schatten (Michi) liegend und Kino (3 Engel für Charlie –
Volle Power, ein Film, neben dem „Armageddon“ wie eine wissenschaftliche
Lehrstunde für Astrophysiker wirkt) bestand der Aufenthalt vor allen Dingen aus
viel erholsamen Schlaf! Höhepunkt war eine in jeder Hinsicht unvergeßliche
Bootsfahrt nach Bregenz (Fotos am Ende des letzten Tages), dem einzigen Stückerl Österreich auf unserer Reise.
Die Reise war uns in Lindau als „Dämmerschoppen-Rundfahrt“ inklusive
Freigetränk verkauft worden. Der Gutschein für eben diesen Drink stieß aber
bei der österreichischen (und blonden, doppelt schlimm also) Serviererin auf
dem ebenso österreichischen Schiff auf wenig Gegenliebe. Die Frau forderte
rundheraus Bargeld! Wir lehnten natürlich dankend ab und nippten weiter an
unserer Gratis-Cola bzw. Gratis-Fanta, die Fahrkarten hatten ja schließlich
auch gegolten, warum also nicht die Getränkebons? Nachher stellte sich dann
heraus dass an diesem Tag gar keine Dämmerschoppenfahrt stattfand und wir statt
dessen
wohl auf dem komplett falschen Schiff gelandet waren. In Bregenz mussten
wir für die Rückfahrt außerdem noch in eine wesentlich kleinere Nußschale
umsteigen (eigentlich sollte es ja ne Rundfahrt sein, aber das kam uns zu diesem
Zeitpunkt schon längst nicht mehr seltsam vor). Getränke gab es hier gar keine
mehr, nicht mal für bare Münze. Jedenfalls verließen wir das Boot mit dem
befriedigenden Gefühl, eine deutsche Reederei für eine Fahrt (und ein Getränk!)
bezahlt zu haben, wohingegen die Leistung dann von den Ösis erbracht wurde. Ob
sich die österreichische Wirtschaft jemals von diesem herben Schlag erholen
wird?
Der heutige Abschied fiel
kurz und ergreifend aus, ich dankte Michi fürs tapfere Mitfahren, er mir
wiederum für die perfekte Organisation. Wir haben uns allzeit gut verstanden
und viel Spaß unterwegs. Vielleicht wächst hier nach Bernt, Herbert und mir
der nächste Langstreckenfahrer aus dem Gerling-Rennstall heran? Wie dem auch
sei, Michi dürfte jetzt langsam seinen Express Richtung Heimat besteigen, ich
sitze hier und sehe mir zum letzten Mal für die nächsten Tage einigermaßen
flache Landschaften an, noch eine Viertelstunde ausgeruht, und dann ab in die
Alpen!!! (Übrigens: Goldener Tag zum Start: Sonne, Sonntag (also wenig
Verkehr), und zeitgleich bekriegen sich Ullrich und Armstrong bei L’Alpe
d’Hues!)
Zweiter Eintrag:
...auf 822 Metern, es
sind 14:53 Uhr, ein Ort namens Daluazza. Den Ansteig nach Klosters habe ich bis
jetzt gut weggesteckt, eine lange Straße die stetig und gleichmäßig nicht
besonders steil in die Berge führt. Viel Verkehr, aber in einer Stunde sollte
ich wohl am Ziel sein.
Mehr Sorgen macht mir ein
kurzer, steiler Anstieg (2 km lang, 200 hm.), den es noch im Rheintal zu bewältigen
galt. Dieser raubte mir schon kräftig die Luft und ließ munter schwarze
Flecken vor den Augen tanzen. Da um die 10%tige Steigungen in den nächsten
Tagen des öfteren vorkommen sollten fand ich dieses Erlebnis nicht besonders
erfreulich. Aber schieben wir’s mal auf den Klimawechsel!
Sonst ist in der Schweiz
heute nicht viel gebacken, Supermärkte und auch die Tankstellen haben all zu.
Probleme mit dem Treibstoff gibt’s aber dennoch keine, da es in jedem Ort
mindestens einen Brunnen hat. Das Wasser hieraus können man bedenkenlos
trinken, versicherten mir drei andere Radler in bestem Schwyzerdütsch (falls
ich sie richtig verstanden habe, vielleicht haben sie mich auch vor
Kolibakterien im Wasser gewarnt; aber ich habe ja eh keine Wahl).
Dritter Eintrag:
Jetzt sitze ich hier auf
über 1.200 Metern in der Jugi, habe gerade ein leckeres Schnitzel mit
Kartoffeln „inhaliert“ (von essen kann keine Rede mehr sein), und blicke auf
ein beeindruckendes Panorama ca. 2.300 Meter hoher Berge. Dass ich morgen selbst
auf dieser Höhe landen soll erscheint mir im Moment schwer irreal.
Gleich nach der Pause,
bei der ich den zweiten Eintrag verfasste, ging es nochmals steil bergan, und
ich kam in ziemlich ramponierter Verfassung in der Jugi an, die zu allem Überfluß
auch noch 100 Meter höher liegt als der zugehörige Ort. Problem dabei: Der
Wolfgangpass, den ich als windendes Band am gegenüberliegenden Hang erkennen
kann, wird dadurch keinen Deut leichter; von hier aus muss ich nämlich erst mal
ins Tal zurück.
Ich bin jetzt zwar etwas ruhiger als bei meiner Ankunft (was Dusche und Essen alles ausrichten können!), dennoch kommen mir erste Zweifel an der Machbarkeit des Unternehmens. Was ist heute bloß falsche gelaufen? Eigentlich sollte es nur der Aufgalopp zu Größerem sein, statt dessen wurde der Tag zur beinharten Nagelprobe. Ich war zum Schluß platt und hätte keinen Meter mehr
| Anstelle der gewohnten Gepäcktaschen wurde von nun an mit Rucksack gereist. |
gekonnt, das ist trauriger Fakt. Daran ändert
auch die Aussage der beiden Berliner Radler nichts, die ich hier getroffen habe:
„Wer 120 Kilometer fahren kann, der schafft dann auch 200!“ Ich nicht,
darauf könnt ihr eure Carbongabel verwetten! Berliner Nummer eins erzählt
zudem von seinen tollsten Bergtouren über Galibier und Col du Telegraph, in
einer Stunde 700hm seien ein Klacks – ich schweige dazu lieber, mache statt
dessen eine mentalen Vermerk für meine daheim gebliebenen Freunde: Seht mal, es
gibt noch Beklopptere als mich! Berliner Nummer zwei sah bei seiner Ankunft ähnlich
kaputt aus wie ich, beide kennen aber Typen die so 500 Kilometer am Tag fahren,
alles quer durch die Alpen mit 13 Pässen dazwischen (na, sicher!), und nebenher
wahrscheinlich auch noch Kaffee kochen, Russisch lernen und mit verbundenen
Augen lenken können. Ich gebe mir Mühe, mich von solchen Stories nicht
beeindrucken zu lassen...jeder fährt was er kann.
War ich zu schnell? Fehlt
die Praxis am Berg? Egal was es war, morgen gehe ich es ruhiger an und nehme mir
mehr Zeit...probieren wir es mal so. Schlimmer kann es jedenfalls nicht
werden...sollte es aber ähnlich laufen wie heute kann ich gleich die Koffer
packen...das ist dann kein Urlaub mehr, sondern nur noch Quälerei.