Stage 5
Heidelberg - Nagold
128,93 Kilometer; 6:06:44 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Frank Schumacher (schumi14@web.de)

Erster Eintrag:

Eins vorweg: Die letzte Nacht war das schiere Grauen! Neben dicker Luft im Zimmer (Gemisch aus heissen Temperaturen und alten Socken) gab es auch noch dicke Luft auf dem Flur, wo ein paar Halbstarke die Nacht zum Tage machen mussten. Dagegen war die Übernachtung im Rohbau in Südfrankreich die pure Erholung! Ghettoblaster, Lachen, Türen schlagen, mit Handy (!) telefonieren, 

Bruchsal

womöglich sogar mit jemandem der im selben Haus untergebracht ist – das volle Programm. Zwei Anmerkungen an dieser Stelle: Solche Blagen sollten von ihren Eltern keine Handys finanziert bekommen, FUBU-Hosen und Wu-Tang-Shirts sollten doch wohl reichen. Und zweitens hat der Lehrer gefälligst auf demselben Gang zu schlafen, nicht drei Blocks weiter (schien mit jedenfalls so, denn irgendeine Ordnungsperson war nirgends zu entdecken).

Als gegen halb eins direkt vor unserer Türe dann eine geräuschvolle Diskussion zum Thema „wer poppt mit wem?“ stattfand war das Maß dann voll: Tür aufgerissen und die nächstbesten Ghettopenner erst mal kräftig angebrüllt. Ich weiß nicht mehr genau was ich gesagt habe, aber der mehrfache Gebrauch von „verdammte Scheiße“ plus meinem nächtlichen Look (ohne Brille, dafür mit Sturmtruppenfrisur und bösem Blick) hat wohl Eindruck gemacht; danach war weitgehend Ruhe. Der Unterschied zwischen französischen Campern und deutschen Hauptschülern besteht also eigentlich nur darin, das Letztere nicht mit Steinen werfen.

Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, liegen mäßig ansteigende 35 Kilometer hinter uns, wir sind in Bruchsal und haben gerade einen PLUS-Markt ausgeräumt. Dem flachen Teil der Tour sagen wir hier endgültig „Tschö!“, von nun an wird es wohl etwas anspruchsvoller zugehen: die Weinberge im Osten sind das nächste Ziel. Michi meint es ginge ihm soweit gut, besser als gestern, mal sehen, wie es uns nach den nächsten 30 Kilometern gehen wird. Mit Schlaf war ja heute nacht nicht so viel.

 

Zweiter Eintrag:

Der simple vierte Tag sollte es werden, nicht mehr und nicht weniger. Die „Königsetappe“ ist es dann schließlich geworden. Aber der Reihe nach:

Wie prophezeit hatte es hinter Bruchsal mit der lieblichen Flachheit des Seins ein schnelles Ende, langsam aber stetig schaukelte sich die Landschaft nach oben. Bei Bretten lagen wir bereits auf knapp 200 Metern ü.d.M. Hinter dem Ortsausgang meinte Michi dann noch „sind ja gar keine richtigen Berge!“, hatte da aber wohl den Sinn es Ortsnamens wohl missverstanden. Es begann nämlich eine „bretterharte“ Steigung, die erst nach drei Kilometern und weiteren 180 Höhenmetern ihr Ende fand (zugegeben: Klingt erst mal nach Peanuts, weckte aber üble Erinnerungen an die Ardennen). Michi lief der Schweiß in Strömen übers nagelneue Addidas-Trikot, ich hatte mich meines Leibchens schon längst entledigt.

Die vielbefahrene Straße piesackte uns noch bis Pforzheim mit scheinbar willkürlich eingebauten Steigungen und Gefällen, nach 70 Kilometern und einer ausgiebigen Pause waren wir aber dennoch der Meinung, es heute bis nach Nagold schaffen zu können, was immerhin die angepeilten 108 Kilometer plus 15 zusätzlich bedeutete. Aber die Straße sollte eng an einem Fluß verlaufen, so dass zumindest weitere Rampen ausgeschlossen waren.

Unmittelbar hinter Pforzheim begann dann auch das malerische Nagoldtal, der gut asphaltierte Radweg führte fernab von der Bundesstraße durch domähnliche Wälder, wir kamen gut voran. In Calw allerdings ereilte uns beide ein großes Hungergefühl, dass sich auch mit mehreren Fruchtriegeln nicht mehr bekämpfen ließ. Dennoch nahmen wir den Kampf mit der weiter stetig ansteigenden Straße wieder auf.

Mit zusammengebissenen Zähnen und Gedanken an gebratene Rinderhälften im Kopf schafften wie es auch tatsächlich bis Nagold, vorbei an unzähligen Kur- und Thermalhotels. Unterkunft sollte also kein Problem sein. Das erste Hotel war dann leider voll, die mürrische Ziege an der Rezeption wußte aber von einem „Hotel Schiff“, welches an der angegebenen Stelle aber partout nicht zu finden war (später fanden wir heraus, dass man im Hotel Adler wohl Schwierigkeiten mit der korrekten Verwendung der Begriffe „links“ und „rechts“ hat, richtungsmässig, nicht politisch!). Im „Hotel Post“ war dann gar kein Hotel mehr, sondern nur noch ein Cafe, man wußte aber von einer Snackbar namens „no-name“ (kreativ, diese Schwaben!), wo neben Toast und Burgern wohl auch Zimmer zu bekommen waren. Die dort zuständige ausländische Mitbürgerin verlangte allerdings 65 Euro für ein offensichtlich zweckentfremdetes Eheschlafzimmer in ihrer Wohnung.

Hin- und hergerissen zwischen 130 Kilometern in den Beinen und der Aussicht, nachts von einem besoffenen Albaner mit der Ehefrau verwechselt zu werden (mir tat der Hintern auch so schon genug weh!) wägten Quirl und ich ab, was zu tun war. Den Ausschlag gaben schließlich die vergeblichen Versuche der engagierten Vermieterin, den Hausmeister (!) anzurufen, da sie nicht wußte wo der Schlüssel zum Badezimmer abgeblieben war (!!). Wir entschieden uns zur Flucht und fanden schließlich doch noch das Hotel Schiff, wo man zum selben Preis ein anständiges Zimmer bekommen kann.

Das Essen im hoteleigenen Restaurant (totes Tier plus, ja, natürlich, Spätzle!) machte müde Krieger wieder munter und gab unserer Entscheidung, nicht gleich ins erstbeste Loch einzufallen, im Nachhinein recht. Michi horcht inzwischen schon an der Matratze, ich genieße den warmen Sommerabend im ersten Stock auf unserer Terrasse, quasi mit „Meerblick“ (auf die oder den Nagold). Gleich geht’s aber auch in die Heia, da der morgige Ta bestimmt auch wieder schwarzwaldmässig wird.

P.S. These des Tages: Je weiter man sich von einer Großstadt entfernt, desto cooler gibt sich die Dorfjugend! Demzufolge herrscht in Nagold ein dermaßen hoher Blond-FUBU-VW-tiefergelegt-Gelfrisur-Faktor, dass es fast zum Lachen ist. Auf jeden Fall kann ich jedem arbeitslosen Tuningmechaniker raten sich hier mit einer VW-Werkstatt selbstständig zu machen – eine Geldgrube erwartet ihn!