| Stage 13 |
| St. Moritz - Thusis |
| 119,09 Kilometer; 05:34:46 Stunden |
Tagebuch während der Tour geführt von: Frank Schumacher (schumi14@web.de)
Erster Eintrag:
„Ich will zurück auf
die Straße....!“ – frei nach Westernhagen schnappte ich mir heute morgen
meinen Renner, um voller Genuss das Flachstück Richtung Maloja in Angriff zu
nehmen. Um zehn vor neun, nach einem üppigen Frühstück, ging’s direkt
heftig los, der berüchtigte Maloja-Wind blies mir voll ins Gesicht. Aber der
gestrige Ruhetag (mit Seilbahnfahrt auf den Corvatsch, Baden im „Lej da Statz“
und einer Dosis TdF, alles sehr empfehlenswert!) hatte die Kraftspeicher wieder
aufgefüllt, alle Anzeigen im grünen Bereich.
Hinter dem Malojapass
(der von der St.-Moritz-Seite nicht wirklich eine Passhöhe darstellt) ging es
dann in eine mitreißende Abfahrt nach Chiavenna, die nach einigen harten Kehren
im oberen Bereich ca. 20 Kilometer relativ gerade und mit geringem Gefälle
vonstatten geht. Eine schöne Gelegenheit, es einfach mal rollen zu lassen und
die Landschaft zu genießen. In Chiavenna (325m.) zeigte mein Thermo bereits um
halb elf freundliche 31°Grad an, ich hielt kurz inne und blickte nach links.
Noch etwa eine halbe Stunde Fahrtzeit in diese Richtung und ich hätte den Comer
See erreicht, abends könnte man schon Mailand sein, drei Tage mehr und Pisa wäre
erreichbar. Ich hatte zwar nicht eine Sekunde die Absicht wirklich in diese
Richtung zu fahren (dazu bin ich doch zu rational gestrickt), aber ein
reizvoller Gedanke war es allemal.
Aber statt weiter in der
Gluthitze irgendwelchen Hirngespinsten nachzuhängen machte ich mich
schnellstens nach rechts weg, Richtung Splügenpass. Im Internet hatte ich was
von einer „durchweg moderaten Steigung von 6%“ gelesen, auf den ersten fünf
Kilometer kam mir allerdings der Gedanke, der Autor könnte „moderat“ mit
„mörderisch“ verwechselt haben. Ganz so schlimm war es natürlich nicht,
aber mit diversen Rampen um die 10% herum hatte ich zu diesem frühen Zeitpunkt
nicht gerechnet. Die 6% können sich nur auf einen Durchschnittswert beziehen,
der an der Realität aber voll vorbeizielt; es wechseln sich permanent kurze
Flachstücke mit den erwähnten Rampen ab, vereinzelt geht es in Kehrengruppen
hinein, die schon fast Stilfser-Joch-Niveau haben dürften. Leider hat man es
nie mit einer konstanten Belastung zu tun, so dass ich nie in irgendeinen
Rhythmus hineinfinden konnte.
Im 1.066m. hoch gelegenen
Corti bin ich jedenfalls schon gut erschöpft und nutze eine ausgiebige Pause,
um diese Zahlen zu schreiben. Laut Karte wird es ab hier nochmal steiler, leider
ist es jetzt schon heißer geworden, hoffe mal dass sich unterwegs noch mal ein
Baum zum Ausruhen finden wird.
Zweiter Eintrag:
Mittlerweile sicher im
Hotel „Weiss-Kreuz“ in Thusis angekommen, gleich vor dem Eingang zur
malerischen „Viamala-Schlucht“, der sogar vom Zimmerfenster aus zu bewundern
ist. Zunächst gab es Schwierigkeiten mit der Zimmerorganisation in diesem
gottverlassenen Kaff, 80 Franken wollte die Frau am Empfang für die
Einzelzelle. Nachdem man mit meine Unzufriedenheit aber
anscheinend im Gesicht
ablesen konnte (meine Franken gehen allmählich zur Neige, und die Jugi morgen
will ja auch noch bezahlt werden), fand sich flugs ein Zimmer ohne Dusche, dafür
aber für 55 Franken! Für einmal Duschen im Zimmer 25 Fränkli extra? Komische
Preisvorstellungen für Körperhygiene haben die hier – zumal das Duschen im
Etagenbad ebenso gut funktioniert hat, weil ich ja auch offenbar der einzige
Gast auf der ganzen Etage bin! Wichtiger auf dem Zimmer ist da schon das TV,
welches auch heute wieder exzellente Bilder von der Pyrenäen-Etappe im Angebot
hatte.
Kurz noch ein paar Worte
zum Splügenpass: Ähnlich wie am Bernina bekam ich auch hier nach den ersten
1.000hm einen richtigen Rausch. Lag es damals noch am positiven Wetterumschwung
was es diesmal die grandiose Architektur der Straße hinter Corti. Es wurde zwar
umgehend steiler, gleichzeitig kam ich aber in ein wahres Labyrinth von
Spitzkehren, Kurven, Galerien und Tunnel. Ständig wechselte die Richtung, tiefe
Blicke ins Tal und schattenspendende Felsvorsprünge sorgten bei mir für ein
Stimmungshoch nach dem anderen. Nach der bewährten Methode „...nur noch die nächste
Kehre, komm schon, eine noch....und dann noch eine...na, den Tunnel packst du
auch noch drauf, was solls!“ schraubte ich mich bequem weitere 500hm bergauf,
ehe ich die nächste (kurze) Pause machen musste. Aussicht und Straßenführung
sind heute aber auch wirklich jeden Schweißtropfen wert!
200hm vor dem Stauseee
holte ich dann noch einen Touri-Fahrer aus Dresden ein, der mit diversen Gepächstücken
plus Zelt beladen erkennbar mehr Schwierigkeiten hat als ich. Wir bleiben aber
trotzdem nebeneinander und tauschen die üblichen Daten aus (woher, wohin, wie
lange, wie hoch?), und ehe ich mich versehe bin ich auf 1.900 Metern am Stausee
vor Montespluga angekommen. Eine knappe Viertelstunde verbringe ich „oben
ohne“ in der jetzt angenehmen Sonne, bevor ich die letzen zwei, drei Kilometer
Richtung Passhöhe angehe. Hier wird’s nochmals richtig steil, so im Schnitt
wohl an die 10%, trotzdem fahre ich die Strecke vollkommen entspannt in einem
Rutsch durch.
Die Abfahrt gehörte dann
wie die Auffahrt zu einem der absoluten Leckerbissen und machte den Splügenpass
zu einem würdigen Abschluss der Hochalpen. Nach Splügen hinunter besticht die
Straße durch eine Serie von nicht allzu steilen Kehren, die angenehm zu fahren
sind. In Splügen selbst geht’s dann rechts ab in Richtung Thusis, nicht ohne
noch die Trinkflaschen am Dorfbrunnen zu füllen und zwei handwarme „Twix“
zu lutschen.
Auf der alten Route nach
Thusis geht es mit hohem Tempo und weitgehend Kehren- und autofrei gen Tal
(netterweise haben die Schweizer parallel eine Schnellstraße durch die Berge
gesprengt, die den motorisierten Verkehr aufnimmt). Sobald ich dann die
Viamala-Schlucht erreicht hatte bekam ich den Mund vor Staunen überhaupt nicht
mehr zu. Stellenweise vielleicht gerade mal 30 Meter breit, ragen zu beiden
Seiten die Felswände endlos zum Himmel. Die Bewaldung wirkt fast tropisch, könnte
mir gut vorstellen, dass die Route auch für eine Auffahrt zum Splügenpass sehr
reizvoll ist, einfacher Weg zudem, über die Alpen nach Italien zu kommen. Den
geschafften Pass im Rücken und mit gemütlichen 45 km/h rausche ich allerdings
weiter ins Tal, mehrfach stoße ich vor Freude laute Kampfschreie aus. HUA! Ein
perfekter Tag!
Später im Hotel ruft
dann noch Noreen aus Deutschland an, um sich nach den Fortschritten der Tour und
dem geplanten Rückkehrzeitpunkt zu erkundigen. Der Anruf freut mich total, es
ist einfach schön, ihre Stimme so weit weg von zu Hause hören zu können.
Dieses Telefonat rundet den eh schon tolle Tag vollends ab! Was soll jetzt schon
noch schief gehen?
P.S. Laut SF2 war heute
der heißeste Tag des ganzen Schweizer Sommers, morgen wird im Rheintal vor über
36°Grad gewarnt, von sportlichen Aktivitäten wird abgeraten!