Stage 12
St. Moritz Alpenrunde
104,61 Kilometer; 05:06:08 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Frank Schumacher (schumi14@web.de)

Ein Tag wie aus dem Bilderbuch, Königsetappe im Sack, Sonnenschein allüberall, und Ullrich gewinnt das Einzelzeitfahren bei der TdF. Einfach perfekt, ich laufe den ganzen Abend mit einem fetten Grinsen durch die Jugi und nehme dieses nur zur allabendlichen Kohlenhydratejagd aus dem Gesicht.

Nach einer ruhigen Nacht traf ich beim Frühstück auf Helmut und Arne, die beiden Norddeutschen, die ich gestern im Fernsehraum kennengelernt hatte. Da beide auch mit dem Rennrad unterwegs sind und für heute eben dieselbe Runde im Kalender haben wie ich wurde kurzerhand ein Dreierteam gebildet. Dieses hielt leider nur die ersten fünf Kilometer bis nach Silvaplana, wo sich dann an den (höllisch steilen) ersten Rampen ein Zweierteam bildetet, plus einem dramatisch hinterherhechelnder Saeco-Pilot (also ich). Beide Kollegen sollte ich erst wieder nachmittags in der Jugi zu Gesicht bekommen, auf den folgenden knapp 100 Kilometern sahen wir uns jedenfalls nicht mehr. Helmut ist übrigens einen halben Kopf größer als ich, wiegt aber zehn Kilo weniger. Noch Fragen? Der Unterschied zwischen einem Bergfahrer und einem Typen wie mir, der einfach nur gerne über Berge fährt, wurde mir heute extrem vor Augen geführt. Naja, in die erste Kategorie werde ich wohl nie mehr reinrutschen...

Aber gut, alleine fahren war ich ja nun gewohnt, und so konnte ich auch wieder gelassen in meinen 10km/h-Rhythmus auf den 

Auffahrt zum Julierpass.

kleinen Kranz gehen. Der Julier ist übrigens trotzt der geringen Höhendifferenz von St. Moritz aus meiner Meinung nach kein Zuckerschlecken und vor allen Dingen als Aufrakt in einen anstrengenden Tag gleich ein kräftiger Hammer. Aber mit zwei kleinen Stopps überbrückte ich die ca. 450hm recht zügig und hielt mich auch auf der Passhöhe nicht lange auf, da das Thermometer hier kuschelige 12° anzeigte. Brrr!

Die Abfahrt war dann zunächst auch eher abkühlend als anfeuernd, zumal landschaftlich auf den ersten 10 Kilometern auch nicht viel geboten wird, nur Geröll. Spätestens aber der Marmorera-Stausee kennzeichnet einen Wandel, ab da wird’s schön und idyllisch, der Pass ist wirklich nur im oberen Teil recht hässlich. Die Straße ließ es nun auch weniger steil angehen, ohne Risiko konnte ich Geschwindigkeiten zwischen 60 und 70 km/h herausschlagen. Unten in Tiefencastel mal wieder zwei Aspis aus der Bordapotheke, Moment mal, wo hab ich den die EPO-Spritzen...?

Knie war dann auch ruhiggestellt, so nach einer halben Stunde, Urlaub halt. Von Tiefencastel bis Filisur lief die Straße zunächst wenig spektakulär durch, auch den eigentlichen „Eingang“ zum Albulapass hinter Filisur konnte ich zunächst noch im mittleren Gang bei 20 km/h gut treten. Mittlerweile waren auch die zum blauen Himmel passenden Temperaturen vorbeigekommen, mein Thermo schoss schnell auf 30° und mehr. Glücklicherweise liegt der komplette Pass bis auf die letzten drei Kilometer komplett im Wald verborgen, so dass man viel Schatten genießen kann.

Ca. zwei Kilometer vor Bergün wurde es dann richtig interessant. Nach der Gleichung „Schönheit der Landschaft“ = „Steigungsprozente“ hob die Straße ab, bis rauf auf 12% in der Spitze, das kleine Blatt vorne kam wieder zum Zug. Gleichzeitig wand sich die Strecke mitten zwischen zwei Felswänden hindurch (siehe Foto links), mittlerweile schon tief unter mir konnte man die Albula sprudeln sehen. Wunderschön! In Bergün dann kurze Mittagspause, ich drücke mir zwei von den unsäglichen Marmeladenkeksen rein, die ich in Italien mangels richtiger Powerriegel ins Ernährungsprogramm aufgenommen habe. Schmeckt ungefähr wie Prinzenrolle mit Schwartau-Extra. Das Zeug tat es aber auch.

Hinter Bergün kann man auf knapp 2-3 Kilometern flacher Natur relativ gut verschnaufen, bevor der wohl eindrucksvollste Teil der Passage beginnt. Fluß, Bahnlinie und Straße winden sich einträchtig das Tal hinauf, über- oder unterqueren sich gegenseitig mehrmals. Respekt an den Architekten, falls dieses Chaos tatsächlich irgend jemand so geplant haben sollte. Auf mich wirkt’s eher, als hätte ein Kind mit überdimensionalen Playmobilteilen einfach willkürlich von A nach B gebaut.

Vor lauter Natur vergesse ich beinahe die Strapazen und den Höhenmesser und lande relativ flugs auf 1.900hm, unterbrochen nur von ein paar kurzen Fotopausen. Das Panorama zwingt einen heute aber auch wirklich alle paar Meter beeindruckt gaffend stehenzubleiben. Ab der Baumgrenze bin ich dafür nicht mehr zu halten, in einem Rutsch nehme ich die letzten 450hm, teilweise sogar auf dem mittleren (!) Blatt. Aber ich fühle mich gut, zudem begleitet mich die letzten Meter ein Schweizer Radler, den ich zwar relativ locker eingeholt hatte, aber ehrenhalber nicht versägen wollte, nachdem er mir mitgeteilt hatte dass er diese Strecke heute schon zum zweiten Mal bewältigt. Wie sollte man da als ordentlicher Tourist herzlos vorbeiziehen können? So fachsimpeln wir lieber über Sinn und Unsinn des dritten Blattes (er fährt vorne „natürlich“ 52-42, sieht aber deutlich abgekämpfter aus als ich und muss permanent aus dem Sattel. Oben angekommen stelle ich fest da mit dem letzten Bild der Film voll war. Also kein Beweisfoto mit Passschild? Doch! Für spottbillige 14 Franken erstehe ich eine 36er ASA100 Film, Gewinnspanne für die Kioskfrau wahrscheinlich 800%. Das versteht sich als Warnung an alle, die vor dem Start nicht auf komplette Ausrüstung achten!

Lange hält mich aber nix an der eher kargen Passhöhe, ich will ja zum Zeitfahren wieder in der Jugi sein. Die folgende Abfahrt ist zwar nicht besonders lang, Straßenverhältnisse (übrigens am ganzen Pass ziemlich beschissen), Gefälle und Kurvenlage stellen aber alle Anforderungen an den Amateur. Es bleibt mir nur ein nerviges Dauerbremsen mit Holpereinlagen, irgendwann riechts verbrannt, ach ja, die Klötze brauchen ne Pause! Es hat sich aber bezahlt gemacht Julier und Albula in dieser Richtung abzufahren und nicht umgekehrt, als Auffahrt hätte mir dieses Stück hier noch wesentlich weniger Spaß gemacht.

Zurück in der Jugi (die Strecke zwischen La Punt und St. Mo werden mit 32 km/h abgerissen) erst mal duschen, dann schauen, wie’s die Profis machen. Thema Pässe: 7 down, 2 to go! In meiner jetzigen Verfassung und spätestens seit heute bin ich aber sicher: Kein Problem!