| Stage 11 |
| Bormio - St. Moritz |
| 100,39 Kilometer; 04:52:28 Stunden |
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Tagebuch während der
Tour geführt von: Frank Schumacher (schumi14@web.de)
Erster Eintrag:
Ein neuer Tag, ein neuer
Pass, eine total, total verrückte Welt! Der Berninapass, vor dem ich aufgrund
der relativ moderaten Durchschnittssteigung den wenigsten Respekt gehabt habe,
hat heute alle seine Waffen ins Feld geführt. Zwar sitze ich jetzt schon auf
2.330 Metern im Restaurant auf der Sonnenterrasse (die ihren Namen nun auch
wieder zu Recht trägt) und warte auf meinen Kakao, doch zwischenzeitlich hatte
es gar nicht mehr so rosig ausgesehen. Aber der Reihe nach:
Der vorangegangene
mega-faule Tag hatte auch viel Gutes: Ich hatte ausgiebig Zeit und Muße alles
bis aufs I-Tüpfelchen vorzubereiten: Der Rucksack war gepackt, die Klamotten
lagen bereit, alles super! Nur die gestrige Wettervorhersage nicht: Auf Kanal 1
hieß es Gewitter in ganz Norditalien, auf Kanal 2 immerhin nur in den östlichen
Alpen – gut für mich, da die ersten 40 Kilometer Richtung Westen gingen.
Getreu dem Motto „Mit dem Zweiten sieht man besser“ vertraute ich also aufs
hiesige ZDF und ging früh ins Bett, nicht ohne mir die erst Hälfte von
„Goldfinger“ en italiano reinzuziehen.
Heute klappte dann alles
wie am Schnürchen, um 7:30 Uhr konnte man mich fertig bepackt am Frühstücksbuffet
bei der morgendlichen Müslischaufelei beobachten, eine halbe Stunde später
dann schon gemütlich bergab rollend auf der Straße. Die Pneus füllte ich
direkt an der ersten Tankstelle voll auf (endlich wieder 8bar unter dem
Hintern!). Der erste Teil der Strecke war erwartungsgemäß spaßig: Ich verlor
rund 800hm bis Tirano und nutzte das Gefälle zu einem persönlichen
All-Time-Speed-Record: 79 km/h (rund 9 km/h über der
bisherigen Bestmarke dieser Homepage, seinerzeit von Bernt erzielt am Ventoux)! Meine neuen Reifen scheinen echte Wunderroller
zu sein, passenderweise schien zu alledem auch noch die Sonne.
In Tirano hielt ich mich
nicht groß auf, tauschte nur kurz Helm gegen Kopftuch und fuhr gleich über die
Grenze erneut in die Schweiz ein. Der erste Anstieg zum Lago di Poschiavo (liegt
um die 1.000-Meter-Grenze herum) ging zwar nicht locker-flockig, war aber okay.
Mehr Sorgen bereitete der blaue Himmel hinter mir und der stahlgraue vor mir.
Ich nahm sofort die Sonnenbrille ab, was die Situation aber auch nicht
wesentlich verbesserte. In meinem Hinterkopf formte sich bereits ein Gedanke:
Junge, heute wirst du richtig nass gemacht...
Der See war in einem der
vorher von mir studierten Artikel als „Badesee“ empfohlen worden,
passenderweise fiel das Thermometer bei meiner Ankunft ziemlich rapide auf 18°
ab, prompt kamen auch die ersten Tropfen aus dem grauen Dickicht, welches
mittlerweile genau über mir Position bezogen hatte. Die Badehose blieb also schön
im Rucksack, statt dessen hüpften in der nächsten Ortschaft Regenjacke und
Helmschutz aus dem Gepäckstück, das selbst mit dem mitgelieferten gelben
„Kondom“ verkleidet wurde. Aus den Tropfen war mittlerweile ein kapitaler
Dauerregen geworden, der mich die nächsten 10 Kilometer begleiten sollte.
Auf ca. 1.400 Metern
machte ich Pause in einem Tunnel, von innen völlig durchnäßt vom eigenen
Schweiß, die definitiv nicht-atmungsaktive Regenjacke hielt nur von außen
trocken. Vorbeifahrende Autofahrer hatten wohl ihren Spaß an dem armen Tropf,
der sich da an die Tunnelwand drückte, ich fand’s aber gar nicht so komisch
und wäre in diesem Moment am liebsten in die „Rätische Bahn“ eingestiegen.
Der Regen hatte inzwischen die nächste Stufe erreicht und war zu einem
erbarmungslosen Pladdern geworden.
Zehn Minuten später
schien das Gröbste aber vorbei, ich entledigte mich der Jacke und fuhr mit
einer ansehnlichen Sammlung verschiedener Wassersorten (Hose = Regen, Shirt =
Schweiß, Schuhe = dreckiges Spritzwasser) weiter bergan. Beim Fahren war dies
nicht weiter schlimm, unangenehm wurde es nur während der Pausen, da ich sofort
auskühlte (dabei konnte ich mir übrigens selbst beim Dampfen zusehen, auch ein
Erlebnis!).
Ungefähr bei 1.600
Metern traf ich auf die nächste Verteidigungslinie des mir mittlerweile recht
unsympathisch gewordenen Passes: Nebel! Er holte mich fast spöttisch von hinten
ein und war bald überall; mein Weltbild bestand nur noch aus einem
30-Meter-Radius um den Lenker herum, alles andere war hinter einer weißen Wand
verschwunden. Muss ich noch extra betonen dass Pausen hierdurch noch angenehmer
wurden? (Tatsächlich sollte es bis zum Höhepunkt keine Pause mehr geben, die länger
als zehn Minuten gedauert hätte.)
In dieser Suppe ging natürlich
sämtliche Restmotivation den Bach runter. 200 Höhenmeter später traf ich auf
das Restaurant „La Rösi“ (oder so ähnlich), wo ich mich auf einen alten
Ardennen-Trick besann: Heißen Kakao bestellen und in der Wartezeit das Klo zum
Umkleide- und Trockenraum umfunktionieren. Scheinbar kannte der Wirt den Trick
aber schon, im Speisesaal war weit und breit keine Bedienung zu sehen, auf dem
Klo befand sich werde Papier noch Handtücher, geschweige denn der dringend benötigte
Föhn! Das Restaurant kann man als Radler also getrost links liegen lassen, ich
musste mich mit einem Paar frischer Socken trösten, die ich mir auf der Treppe
vor der Kaschemme überzog. Unter das klatschnasse Trikot hatte ich derweil
meinen Windstopper gestopft, nicht ganz praktikabel, aber die Auswahl an
trockenen Radklamotten war nicht mehr üppig. Und weiter gings....
....und plötzlich: Das
Wunder von Bern(ina)! Aus Respekt vor mir oder einfach nur meteorologischen Gründen
fiel der Widerstand in sich zusammen: Die Wolken wichen, der Nebel verkroch sich
gipfelwärts, die Sonne kam heraus, das Thermometer fing an zu klettern. Selbst
die Straße schien auf einmal flacher zu werden. So wurden die letzten
Kilometer, die in Schleifen wie am Flüela zur Passhöhe führten, noch mit
tollen Ausblicken in die Landschaft zum Leckerbissen. Das Trikot trocknete
langsam auf der Haut, und ober packte mich ein wunderbares Gefühl, diesen Pass
trotz aller Widrigkeiten doch noch bezwungen zu haben. Ein des Weges kommender
Italiener älteren Baujahres erkundigte sich nach meinem Anfahrtsweg, auf das
Wort „Tirano“ hin gab es große Augen und sogar ein kräftiges
Schulterklopfen! Klar, dass dabei auch noch ein Foto vor dem Paßschild
heraussprang.
So, Kakao ist inzwischen
schon alle, mal sehen wie teuer einen dieser Luxus in dieser Höhe so kommt.
Aber Belohnung muss sein!
Zweiter Eintrag:
Die Abfahrt war klasse,
wenig Serpentinen und nicht zu steil, so dass ich gut rollen konnte. Unterwegs
noch mal kurz Regen, so auf der Höhe des Morteratsch-Gletschers, in St. Moritz
dann aber purer Sonnenschein. Die Jugi hier ist erste Sahne, fast schon wie ein
Hotel, es gibt einen Fernseher (endlich wieder TdF, yeah!),
Schweinegeschnetzeltes zum Abendessen und – Tusch! – die Betten waren schon
bezogen! Ich schwelge förmlich im Luxus.
Achja, nebenbei war heute
auch der südlichste Punkt der Tour erreicht worden (in Tirano), womit die Alpenüberquerung
faktisch auch durch war, es wäre ja nur noch bergab Richtung Mailand gegangen.
Zwischendurch muss auch irgendwo die 1.000-Kilometer-Marke gefallen sein,
offenbar irgendwo zwischen Passhöhe und Zielort. Das habe ich aber unterwegs
nicht realisiert, somit gibt’s auch diesmal kein Beweisfoto. Auffallend ist
aber, dass eine Tour Köln-Rom, wie Bernt und ich sie mal im Sinn hatten, wohl
auch funktioniert hätte (bin ja jetzt zehn Tage unterwegs, bis Barcelona haben
wir 18 gebraucht – wäre man nur über den Wolfgang-, den Flüela- und den
Berninapass gefahren hätte man es auch in neun geschafft. Hintenrum über den
Splügenpass wäre es sogar noch einfacher!) Vielleicht eine Idee für die
Zukunft?
| Bilder vom Ruhetag in St. Moritz, praktisch verbracht mit einer kleinen Seilbahnfahrt. | |
| St. Moritz links, ein Gletscher rechts... | |