Stage 10
Santa Maria - Bormio
72,30 Kilometer; 4:15:14 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Frank Schumacher (schumi14@web.de)

Erster Eintrag:

Die Prüfung des Jahre steht an. Begünstigt durch die Kombination extrem schnarchender und extrem früh aufstehender Sachsen auf meinem (geschlechtlich nicht getrennten Mehrbettzimmer) war ich schon um 6:30 Uhr wach und um 8:00 fertig und verfrüstückt auf der Piste. Die Nacht war leider wenig angenehm: Der erwähnte Schnarcher, ein anderer Mountainbiker mit wahnsinnigem Harndrang, ein weiterer Ossi der allen nochmal mit seiner Batterielampe um Mitternacht ins Gesicht leuchten musste – nichts gegen unsere „lüben näuen Mitbürcher“, aber wo bleibt die Solidarität mit dem Schlafbedürfnis der Wessis? Schließlich zahlen wir ja Monat für Monat dafür...dass die Jungs alle die neuesten Cannondale-Modelle und Specialized Stumpjumper fahren.

Egal, jedenfalls war es sächsischen Rasselbande zu verdanken dass ich ultrafrüh auf der Piste war und im Morgendunst eine ca. 400hm-Abfahrt nach Italien genießen konnte. Im Supermarkt erstand ich zwei Liter Wasser (endlich wieder Euro, endlich wieder normale Preise!). Der Anstieg danach war trotz Schlafentzug und müder Beine nicht allzu hart, von Prad aus (920m.) bis Gomagoi (1.270m.) war die Steigung moderat, dahinter wurde es schon härter (auf den nächsten drei Kilometern bis Trafoi werden ca. 270hm überwunden), so dass ich nach einer kurzen Rast noch mal zwei Mineralienpillen und zwei Aspirin einwarf (das Doping des kleinen Mannes), mit dem Erfolg, dass Aua-Knie und Aua-Kopf jetzt erst mal Pause haben. Momentan sitze ich in Trafoi auf der Mauer an Kehre 46, so viele sind’s aber hier noch bis zur Passhöhe. Hier scheint der gemütliche Teil auch erst mal zu Ende zu sein, über mir geht’s schon mit kräftigen Serpentinen in den Wald hinein. Naja, ich pausiere jetzt erst mal richtig und genieße die Aussicht auf den Ortler.

 

Zweiter Eintrag:

Operation „Schumi im Pässeland“ auf 2.027 Metern über dem Meer, ca. 10,5 Kilometer von der Passhöhe entfernt, noch etwa 800hm to go. Die planmässige zweite große Pause um die 2.000-Meter-Grenze herum nutze ich, um das beeindruckende Panorama des Passes in mich aufzunehmen. Während des Strampelns bleibt ja höchsten mal Zeit für ein paar flüchtige Seitenblicke. Aber ich bin schließlich in erster Linie Tourist und nicht Marco Pantani (auch wenn aufgrund Kopftuch und Segelohren eine gewisse Ähnlichkeit besteht). Linker Hand habe ich eine 180°-Ausblick auf diverse 3.000er, tröstlich immerhin, dass mir die Gipfel jetzt schon wesentlich näher erscheinen als noch vor einer Stunde. Das Donnern der Gebirgsbäche hört man bis auf die andere Talseite!

Ich scheine heute einen echten Glückstag erwischt zu haben, es ist wenig Verkehr (bloß einige blöde Motorradfahrer, die es wohl für eine Supermann-Leistung halten sich von ihren Kisten hier hochhieven zu lassen). Die Sonne scheint auch nicht mehr so stark wie an den letzten Tagen, mein Thermometer zeigt zwar 34 Grad an, aber es weht ein kühlender Wind dazu. Weiter achte ich auf eine konstante Ernährung (esse jetzt schon die zweite Banane plus vier Fruchtriegel) und trinke wie nach einer durchzechten Nacht literweise Wasser. Obwohl es bis jetzt gut läuft und ja auch schon knapp 1.100hm eliminiert sind werde ich mich weiter schön langsam vortasten, wer weiß, was noch für Überraschungen warten!

 

Dritter Eintrag:

Die Überraschungen haben nicht lange auf sich warten lassen, kaum war ich aus dem Wald heraus ging es richtig los, immer mit der schlicht atemberaubenden Aussicht auf die Passhöhe vor der Nase. Obwohl „nur noch“ 600hm entfernt wirkt dieser Punkt von hier aus unerreichbar weit weg. Hatte ich mich zuvor noch über eine Baustelle geärgert, die mich völlig aus dem mühsam erkämpften Rhythmus gebracht hatte, ist für solche Gedanken nun kein Platz mehr: Hinauf! Hinauf! Bei ca. 2.400hm treffe ich auf einen älteren Herren, der wohl auch ohne Gepäck deutlich mehr wiegt als ich. Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass er seit sieben Jahren mindestens einmal im Jahre hier hochpedalt. Die kommenden Kehren seien relativ heikel, „bis zur achten zieht sichs ganz schön, danach ists dann kein Problem mehr!“. Den Berninapass, den ich als nächstes auf meiner Liste habe, kenne er ebenfalls sehr gut: „Doppelt so lang, aber bei weitem nicht so steil, wesentlich einfacher zu fahren.“ Netterweise macht er auch noch ein Foto von mir vor Kehre 22, unterwegs treffen wir uns noch mehrmals und tauschen jeweils ein paar aufmunternde Worte aus.

Gedanken an längere Pausen sind seit dem Erblicken der Passhöhe aus meinem Kopf verschwunden: Alle 100-150hm wird mal kurz verschnauft, die ursprünglich bei 2.500 Metern geplante längere Rast wird ersatzlos gestrichen, bei konstant 8 km/h und 9-12% Steigung kenne ich nur noch ein Ziel: die nächste Kehre! Die durchgehende Nummerierung von 48 abwärts wirkt in der Tat wie ein motivierender Countdown auf mich. Bei Nr.11 halte ich kurz an, danach kämpfe ich mich hoch bis zur fünften, die gelb auf die Straße gesprayten Zahlen kündigen die Passhöhe an....3km....2km...1km...500 Meter! Ich beiße auf die Zähne und ziehe den letzten Kilometer voll durch, roll erschöpft aus und werfe einen Blick auf das schmucklose braune Schild, das vom Triumph kündet: Passo dello Stelvio, 2.758 m.s.l.m. Nebendran steht die Frau meines temporären Weggefährten und gratuliert mir herzlich zur erbrachten Leistung. Wir sind uns in einem einig, es gibt zwei Sorten von Verrückten auf der Welt: Diejenigen, die solche Straßen bauen und dann noch die, die auch noch meinen sie mit einem Fahrrad befahren zu müssen. Schnell noch ein Siegerfoto mit Schild, Fahrrad und kaputtem Frank, dann raus aus den naßgeschwitzten Klamotten, trockenes Shirt und Windstopper drüber. Jetzt bloß keine Erkältung fangen!

Einen Einblick in meine Gefühlswelt zu geben fällt mir schwer, nur soviel: Ich fand die gestrige Etappe insgesamt härter und hatte auf der Höhe des Ofenpasses auch ein wohligeres Glücksgefühl als hier. Ob das an den verschärften Wetterbedingungen oder der Natur der gestrigen drei (!) Pässe lag, weiß ich nicht. Ich bin mir aber sicher dass es die Höhe alleine nicht macht und mir wahrscheinlich nie wieder eine Etappe das intensive Glücksgefühl geben wird, das ich damals auf dem Gipfel des Mont Ventoux verspürt habe. Da hätte ich meine Freude laut herausschreien mögen, hier bleibt es bei einem Gefühl innerer, stiller Befriedigung. Was aber auch nicht schlecht ist.

Vielleicht liegt es aber auch an der Passhöhe selbst: Rummelplatz pur mit Kiosk und Ramschläden! Ich erliege ebenfalls dem Kommerz und kaufe mir eine Bratwurst mit Sauerkraut und Senf im Brötchen, für spottbillige vier Euro! Schmeckt aber wunderbar, Höhenluft macht Appetit! Ansonsten sehe ich gleich zu dass ich nach Bormio runterkomme und mich in ein nettes Hotel einmiete, vorzugsweise mit Pool und Fernseher auf dem Zimmer. Auf den Euro wird heute mal nicht geschaut.

Mein Schlitten ist auch werftreif: Kaputter Ersatzschlauch, schleichender Plattfuß vorne, Bremsblöcke mit verdammt wenig Gummi drauf und Mäntel, in denen erste Risse zu erkennen sind. Dem Material wird ein Ruhetag sicherlich auch gut tun.

P.S. ich muss unbedingt mal auswendig lernen wieviele Zähne meine vorderen Kränze sowie das größte und das kleinste Ritzel hinten haben. Andauernd werde ich gefragt mit welchen Übersetzungen ich fahre, und ich weiß es nicht! Ziemlich peinliche Sache.

Ruhetag in Bormio:

Eigentlich sollte ja heute der Gaviapass fallen, die vorher bereits erwähnten Gründe halten Ross und Reiter allerdings davon ab. Jetzt verbringe ich einen durchweg ruhigen Tag im Hotel, wasche meine Klamotten, nähe meine Radhosen wieder zusammen (wenn das meine Mutter sehen könnte!), ordne den Rest der Ausrüstung und lese viel. Das Beste was im Fernsehen läuft sind die Simpsons auf Italienisch, auch die Tour hat heute leider Pause, also vergessen wir das ganz schnell. Lieber kümmere ich mich um mein treues Velo, das nun frisch versorgt mit neuen Reifen, Schläuchen und Bremsblöcken unten im Keller steht. Den Knien geht’s auch wieder wesentlich besser, so dass es morgen wohl weitergehen wird.

Die gestrige Abfahrt war übrigens eher anstrengend denn wirklich schön, viele Serpentinen trübten den schnellen Geradeauslauf beträchtlich. Die Umgebung war nicht ganz so schön wie an der Nordrampe, hatte aber teilweise auch senkrechte, zerklüftete Felshänge zu bieten. Leider musste ich mich voll auf die Straße konzentrieren, der Verkehr hatte erheblich zugenommen, es gab zahlreiche Tunnel (unbeleuchtet, natürlich mit Schlaglochlotto!), und bei all dem musste ich noch ein Auge auf den permanent Luft verlierenden Vorderreifen und die langsam aber sicher zur Schmelztemperatur vordringenden Bremsen haben. Alles in allem ein Husarenstück, wobei die angstvollste Situation an einem 15%-Steilstück entstand, wo ich trotz voll angezogener Griffe immer noch mit knapp 30 km/h unterwegs war. Anhalten konnte ich erst als es wieder ein wenig flacher wurde.

Meine Glückssträhne hielt aber bis ins Tal, wo ich taube Arme und schmerzende Hände vom vielen Bremsen hatte. In der Touri-Info hatte man dann schnell einen Radladen ausgemacht, der sich zwar als ziemlicher Hinterhofbetrieb entpuppte, aber dennoch das benötigte Material vorrätig hatte. Das ebenso bei der Information erfragte Billig-Hotel (okay, auf den Euro wird doch geschaut....) war auch gleich um die Ecke, der nette Besitzer machte für den erschöpften „Tedesco“ auch gleich einen Fahrrad-Spezialpreis: 52€ für zwei Nächste inkl. Frühstück! Da kann man nicht meckern, also, Herr Bundeskanzler, so schlimm sind die Italiener doch nicht (besser als die Schweizer Raubritter zumindest...).

Nach einem kurzen Stadtrundgang (nette Fußgängerzone + drum herum tausend Hotels, alle mit „Zimmer frei“-Schildern versehen) gabs leckere Spaghetti Carbonara in einem sehr leeren Restaurant, der Teller war dafür um so voller. Überhaupt scheint der Ort eher auf Wintersport ausgelegt zu sein, im Sommer läuft hier anscheinend nicht viel, nicht mal die Seilbahnen haben auf! So blieb mir dann ein ruhiger Abend in meiner Einzelzelle vorbehalten, was ich nach der Sachsen-WG von gestern aber auch richtig genossen habe. Heute steht wie gesagt Mechanik & Handarbeiten auf dem Stundenplan, alles andere ist aktive Erholung, weil: Morgen geht’s über den Berninapass, und der wartet mit ca. 40 Kilometern Steigung am Stück auf!