Stage 7
Sellajoch - Brixen 
106,47 Kilometer; 04:51:14 Stunden
 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de) 

Vollkommen platt und dank einer im nahen Sparmarkt relativ günstig vollgestopften Plastiktüte pappsatt liege ich hier nieder und lausche dem ARD Brennpunkt zur bis dato unentschiedenen Wahl des Bundespräsidenten, bei dem „unsere“ Wahlfrauen und –männer gerade im dritten Wahlgang beim Buchstaben „L“ angekommen scheinen. Frank liegt ähnlich matt in seinem 4-Sterne-Bett unserer heutigen Unterkunft, dem Best Western „Grüner Baum“ direkt am Zentrum Brixens.  

4-Sterne-Urlaub - Pizza auf dem Zimmer; Pool im Garten und Sonne am Himmel. 

Zuerst wollte Frank mich noch überzeugen, dass wir ja doch etwas Mühe in die Suche unserer Übernachtung gesteckt hätten – schlussendlich stimmte er mir jedoch zu, dass wir nicht wirklich ambitioniert zu Werke gingen und relativ fix die Gabel ins Korn warfen – nämlich genau, nachdem wir etwas über Brixen in einer Pension „Schönblick“ nach einem Zimmer gefragt hatten, dort alles voll war und man Frank riet, es doch einmal beim Grünen Baum zu versuchen.

Das Hotel sei zwar ziemlich teuer, aber Preise seien auch nur Schall und Rauch. Logischerweise folgt, dass es auch für das Hotel 

Frank bei der Vorbereitung des Abendmahls. 

wichtig ist, möglichst viele Zimmer zu verkaufen. Alternativen waren zwar überall in ausreichender Anzahl beschildert, aber radelte man ein wenig in diese oder jene Richtung, erhielt man von netten Mitmenschen prompt die Auskunft, dass das soeben noch beschilderte Hotel noch ein bis zwei Kilometer entfernt sei – meistens steil den nächstbesten Berg hinauf. Und auf das weitere Abklappern unzähliger Läden, die nicht ohne Grund Namen wie „Schönblick“ trugen, hatten wir nicht wirklich Lust.

Am Baum angekommen marschierte Frank voran, handelte den Preis auch mit dem Argument eines bei hohen Preisen sehr missmutigen Mitstreiters binnen weniger Sekunden von 130 auf 95€ hinab und kam wieder zu mir hinaus, fest damit rechnend, dass ich erst einmal ordentlich nörgeln würde. Glücklicherweise hatte ich, da ja auch nicht mehr motiviert, noch eine halb Stunde durch Brixen zu eiern, um dezentral zu wohnen und zehn Euro zu sparen, bereits entschieden, bis einhundert Euro die Klappe zu halten. Das Hotel lag unheimlich zentral, der Tag war bereits anstrengend genug gewesen, ein Blick auf die ansprechende Front versprach ordentlich verdienten Komfort und schon war der Sarg zugenagelt.

Keine zwanzig Minuten später fanden wir uns dann am erfrischenden Hotelpool wieder, Frank nickte prompt ein wenig weg, ich schwamm ein paar ausgesprochene Kurzbahnen und wieder im klimatisierten Zimmer angekommen durften wir dann miterleben, wie wir immer noch keinen neuen Bundespräsidenten haben und der Staatschef Nigerias die eigene Nationalmannschaft nach dem

Meine Wenigkeit; gezeichnet von einem Tag in der Sauna Norditaliens. 

 miesen Abschneiden in Südafrika erst einmal für zwei Jahre von internationalen Wettbewerben ausschloss. Eine fantastische Idee, mit der sicherlich der Weg zu einem fulminanten Wiedereintritt in die Welt des internationalen Wettkampfs geebnet sein dürfte. Ich dachte, auf solch interessante Ideen würde nur noch Nordkorea kommen, aber die Welt ist wohl schon noch einen Deut verrückter, als man allgemein annimmt.

Ein fulminantes Comeback anderer Art feierte heute der von vergangenen Touren liebevoll bekannte Franksche Fehlerquotient, womit hiermit gemeint ist, dass Frank zuerst etwas plant und ziemlich sicher tut, dass er weiß, wie weit es von A nach B ist, dies aber am Tagesende dann wenig mit dem zu tun hat, was der fleißige Tacho am Rad mitgezählt hat. Abweichungen nach unten sind übrigens historisch undokumentiert. Aus den prognostizierten 85 Kilometern wurden denn dann heute auch etwas mehr als 100, die wir zwar in bisheriger Rekordgeschwindigkeit abrissen, dies aber eher der Tatsache zu verdanken war, dass es heute zur Abwechslung einmal auf den Tag gesehen steil abwärts ging – und wir nicht etwa plötzlich wesentlich mehr Boing in den Beinen hatten als zuvor. 2600 Höhenmeter an Abfahrten lagen in Brixen hinter uns, die Bremsen hatten ganze Arbeit geleistet und ich musste feststellen, dass selbst die ewige Abfahrerei irgendwann langweilig wird, da der sportliche Wert des Ganzen geschwind in Richtung einer Mopedtour in einem norditalienischen Glutofen tendiert.

Landschaftlich war heute das allermeiste quasi für den Allerwertesten, denn während wir munter ins optisch kaum mehr alpine Tal blickten, entfernten wir uns Kehre um Kehre vom spektakulären Rosengarten (siehe erstes Foto oben links; oben rechts noch ein Abbild des morgendlichen Panoramas am Sellajoch), von dem es so natürlich nichts zu sehen gab. Auf die Tour gesehen war heute sicherlich der unspektakulärste Tag, was aber sicherlich auch daran

Abfahrt hinab ins Eisacktal. 

 liegt, hier stimme ich Frank sofort zu, dass man sich an Szenerie und Wetter einfach etwas satt gesehen hat – genauso wie am hypothetischen Pizzabuffet: Der erste Gang ist der reinste Traum, die Vorfreude weicht der tatsächlichen Freude, man kann es kaum abwarten, die Beißer in die fettigungesunde Beköstigung zu versenken, beim zweiten bis vierten Gang genießt man mit abflachendem kulinarischen Grenznutzen, was man zuerst nur verschlang und schließlich sinkt die Motivation ganz rapide ab, noch ein fünftes oder gar sechstes Mal zum Buffet zu schreiten, auch wenn dort endlich einmal eine schmackhaft duftende Barbequepizza ausliegt, für deren Stücke man zuvor keine Minute brauchte, um sie gierigen Blickes in den leeren Magen zu schaufeln. Schön (anstrengend) ist die Tour immer noch, aber das wir jetzt noch zwei echte Bergtage vor uns haben und dann im Schlussspurt nach Innsbruck den Sack 2010 zumachen, ist so auch okay. Vorsichtig gesagt darf die Tour auch gar nicht viel länger dauern, denn unsere aktuellen Übernachtungsgewohnheiten – gestern 58 Euro und heute 47.50 – sind auch nicht von schlechten Eltern, ganz egal, wie viel man das ganze Jahr über gearbeitet haben mag. Die finanzielle Last wird zumindest für mich auch noch dadurch problematisiert, dass ich rund drei Tage nach meiner Heimkehr von dieser Tour mit Imke nach Norwegen aufbrachen werde, wo es, sofern stimmt, was alle sagen, schon fast zwanzig Euro kosten soll, einem Norwegen im Restaurant beim Essen zuzusehen. Will man dann gar nachts statt des Zeltes auch einmal eine Hütte mieten, so müsste die zuvor für dieses Tagebuch fiktiv erfundene Schneiderin meines Icebreaker-Shirts dafür bestimmt eine ganze Weide voller Merinoschaafe in Hemden verwandeln und ihrem Macker die Ketten anlegen. Und wenn dann mal nicht erst Recht der Barcode verwechselt wird…  

Sehr empfehlenswert ist übrigens der Radweg im Eisacktal, den wir heute nach der letzten Abfahrt des Tages vom Rosengarten hinab bis nach Brixen unter unsere Räder brachten. Über weite Strecken wurden alte Bahntrassen zum Radweg umfunktioniert und klasse asphaltiert, so dass man es vollkommen ungestört durchs vom Verkehr arg strapazierte Tal rollen lassen konnte. Dass die Luft im Tal weit jenseits der dreißig Grad im Schatten nur so stand konnte der Radweg, der uns auch immer wieder durch alte Bahntunnel führte, natürlich auch nicht ändern. Interessanterweise war es sogar so stickig heiß, dass man sich mit dem moderaten Fahrtwind auf dem Rad wesentlich frischer als am Wegesrand im Schatten fühlte, was in ungefähr dem Besuch einer Biosauna gleichkam. Man riss Trikot und Helm vom Körper, ölte wie bekloppt und gewann mehr und mehr den Eindruck, dass nach 85 Kilometern doch noch nicht Schluss sein würde.

Verschiedene Impressionen vom Wegesrand; unter anderem dubiose Urlaubsmitbringsel und natürlich auch wieder das eine oder andere Passschild als Urlaubsmitnehmsel, wenn auch nur in digitaler Form. Wirklich anstrengend war keiner der Pässe, da wir sie heute eigentlich fast nur hinabgedonnert kamen.