

Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke
(berntpv@gmx.de)
Ich
weiß nicht wirklich, weshalb mir gerade wieder ein Foto unserer
Italienrundfahrt 2002 einfällt
(www.hockeyarenas.com/cycling/italia2002/stage11.htm),
bei dem ich eines abends in einer Fernfahrerabsteige mit „frisch“ (as
good as it gets…) gewaschener Wäsche posiere, die anschließend
liebevoll und aufwändig trockengefönt wurde. Charles Darwin würde es
freuen auch in unseren Reisen beziehungsweise deren Tagebüchern Ansätze
evolutiver Prozesse auszumachen. Sicherlich mag hier und dort,
beispielsweise nach auf dieser Tour gottlob nicht existenten
Horrorregentagen, ein Fön für etwas anderes als die dann doch langsam
aber verflucht sucher dahinsiechende Haarpracht gut sein, aber unsere
Klamotten sind
mittlerweile auch alle zu vernünftiger Funktionswäsche
geworden, über die ich vor einem Jahrzehnt, alles jugendlich naiv besser
wissend und in 100% Baumwolle radelnd, nur lachte. Zwar ist es absolut lächerlich,
dass mittlerweile jeder Dreikäsehoch einer typischen Mittelstandsfamilie
in Niedersachsen Jack Wolfstatzenklamotten für 500€ aufwärts tragen
muss, um auch im Falle des verpassten Schulbusses im gemeingefährlichen
Stadtdschungel überleben zu können, aber all unser Zeug, unverschämt überteuert
wie es sicherlich auch sein mag, ist schon allererste Sahne. Auf Platz 1
steht bei mir ganz eindeutig mein neues Icrebreaker-Shirt, das als „Baselayer“,
nichts liebe ich ja mehr als coole englische Begriffe, auch nach sechs
Tagen deutlich weniger übel stinkt als mein tagtäglich darüber
getragenes Radtrikot. Suspekt erscheint mir noch, dass ein im Shirt
angebrachter Barcode die eindeutige Identifikation – mit Bild – meines
neuseeländischen Merino-Schaafs ermöglichen soll. Außerdem frage ich
mich, wieso, wenn für den ganzen Firlefanz mit Bildidentifikation des
Viehs Geld vorhanden ist, das Shirt selbst dann doch in Indonesien
hergestellt wird. Wenn dort mal keine richtig fiese Hinterhofmanufaktur für
die Weberei der hundsteuren Lappen verantwortlich ist, irgendwelche armen
Näherinnen, deren Macker jeden Taler gleich doppelt und dreifach verhuren
oder versaufen, und denen es logischerweise vollkommen egal ist, welches
Schaaf sie jetzt gerade im Akkord zu Shirts für unendlich reiche
Westeuropäer wie mich verarbeiten…
…etwas genauer weiß man dann schon, wo
mein heutiges Abendessen herkommt. Faszinierend auch, dass es beim
Abendessen (drei Gänge, auch das dürfte eine Tourpremiere im elften Jahr
sein) je Gang ziemlich genau zwei nette Wahloptionen gab und Frank und ich
uns in allen drei Fällen anders entschieden. Spaghetti Bolognese oder
gebratener Käse auf Salat als Vorspeisee? Schweinemedaillons und Spätzle
oder fangfrische Bergforelle mit Bratkartoffeln als Hauptgericht? Melone
oder Schwarzwälder Torte als Nachspeise? Ich entschied mich, so viel sei
verraten, konsequent für die „Frauenvariante“, ein Titel, den ich
meiner Wahl allerdings selber gab. Frank, wohl bereits bei der Selektion
der Speiseoptionen den Abendspaziergang um unsere Bergalm im Hinterkopf
habend, nahm konsequent bei jeder Essensetappe nicht einmal im Ansatz Rücksicht
auf eventuelle Nährwerte und belastete mich zudem noch mit dem
moralischen Dilemma, dass mein Fisch ja nur für mich, sein Schwein jedoch
für viele Menschen gestorben sei.
Gestern war Frank die wirklich geniale Idee
gekommen, statt in Canazei direkt am Sellajoch, dem immerhin vierten
richtigen Pass des heutigen Tages, nach einem einsamen Refugium inmitten
der Berge zu suchen. Zuerst sah die Realität vor Ort jedoch
ausgesprochen
mau aus, denn das nach dem Pass benannte Refugium hatte zwar noch Betten für
dreißig Euro pro Nase, aber die Küche war schon dicht und ein Frühstück,
so der eher missmutige und keinesfalls übertrieben geschäftstüchtige
Wirt, würde es auch nicht geben. Allerdings lagen über die Passhöhe
verstreut noch zwei weitere Alternativen, so dass wir schlussendlich
zusammen mit vier weiteren Gästen im Refugio Salei (http://www.rifugiosalei.it/)
landeten. „90% vom Umsatz machen die zwischen November und Mai“,
orakelte Frank ob der gähnenden Leere inmitten des hochalpinen
Skigebiets, und dürfte damit voll und ganz Recht haben. Handeln ließ man
auch nicht mit sich, aber 45€ mit Frühstück oder alternativ 58€ mit
dem von uns gewählten 3-Gänge-Abendmahl ist auch in Ordnung, denn, so
Frank, wo für arbeitet man schließlich das ganze Jahr? Unvorstellbar,
dass es morgen erst zwei Wochen her ist, dass das Schuljahr 2009/10
endlich zu Ende ging. So viel länger her und vor allem auch weiter weg fühlt
es sich hier oben an – und die Aussicht ist auch allemal phänomenaler
als sie irgendwo im Tal in Canazei wäre, wo man vom Hotelzimmer aus
sicherlich einen unbehinderten Blick auf fünfzehn weitere Herbergen hätte.
Arraba lässt grüßen.
Richtig gut angefühlt haben sich heute auch
meine Beine – und das nicht nur, weil sechshundert (Extra)Höhenmeter
einmal per Seilbahn absolviert wurden, als wir zur Mittagspause am
Falzaregopass einen kleinen, 13,30€ teuren, Abstecher zur Bergstation
der auf 2105 Meter abfahrenden Seilbahn hinzufügten und unsere Brote in
luftiger Höhe genossen.
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Das
Hitzeopfer liegt zu Boden - Frank nach zwei von drei Pässen.
Räder und Luft standen. |
Zwar lagen noch drei weitere Pässe vor uns,
aber bei bis zu 34 Grad am Tacho, praktisch keinem Wind und einer heute
einmal
eher, zumindest in Relation zur bisherigen Tour, miesen Form von
Frank war die Pause schon wirklich gegeben. Vor allem vor dem zweiten Pass
des Tages, etwas zwei Stunden später und am Fuß des Grödnerjochs,
erwischte es Frank ganz übel, da ihm die stehende Hitze arg zu schaffen
machte und er, erst einmal den beschaulichen Schatten einer Bank in
Colfosco erreicht, mehr oder weniger gleich einnickte. Neben der Hitze
spielte bei Frank auch, so konnte man zwischen den Zeilen durchhören, die
kumulative Erschöpfung eine Rolle, unkte er doch auch, dass er gar nicht
wüsste, warum Leute so etwas (wie diese Radtour) machen – eine Aussage,
in die er uns postwendend einschloss.
Für verrückt erklärten mich heute am
Falzaregopass übrigens zwei gut beleibte Amerikaner höheren Alters auf
entspannter Busreise
durch die Alpen. „You are crazy going down these
mountains on a bike“ – meinte der Alte, während sich seine Olle
ausgesprochen lustig an den Kopf tappte. Verrückt, weil wir die
verfluchten Berge mit dem Rad hinabfahren? Hallo? Zuviel Bus gefahren?
Verrückt ist es, bei einer Affenhitze die dummen Gesteinsanhäufungen mit
einem gut beladenen Rucksack hinaufzufahren! Am Ende unseres kurzen
Intermezzos klopfte er mich noch aufmunternd auf die schwitzige Schulter
und trampelte mit der Dame seiner Wahl in Richtung Souvenirshop. Keine
Frage, solche Eltern oder gar Schwiegereltern könnte ich nicht
gebrauchen, solche Touristen braucht Europa allerdings schon.
Analog meiner Kommentare zur vielleicht etwas
übertriebenen sportlichen Herausforderung dieser Tour war es heute an
Frank, unsere Leistungen fortwährend zu loben, stellte er doch fest, dass
wir an fünf von sechs Tagen höher als in der Nacht zuvor gepennt haben
und bereits zehntausend Höhenmeter hinter oder unter uns liegen. Solch
eher monströse Statistiken sind natürlich auch kein Wunder, wenn man an
einem Tag von Arraba (1600) aus zum Falzarego (2105) hochfährt, dann noch
eben den nur marginal höher gelegenen Passo Valparola mitnimmt (2192),
schließlich, nach einer extrem langen Abfahrt, das Grödnerjoch (2121)
und am Ende nach einer weiteren Abfahrt das Sellajoch (2280).