Stage 6
Arraba - Pian Falzarego - Corvara - Grödnerjoch - Sellajoch 
64,52 Kilometer; 04:02:34 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de) 

Ich weiß nicht wirklich, weshalb mir gerade wieder ein Foto unserer Italienrundfahrt 2002 einfällt (www.hockeyarenas.com/cycling/italia2002/stage11.htm), bei dem ich eines abends in einer Fernfahrerabsteige mit „frisch“ (as good as it gets…) gewaschener Wäsche posiere, die anschließend liebevoll und aufwändig trockengefönt wurde. Charles Darwin würde es freuen auch in unseren Reisen beziehungsweise deren Tagebüchern Ansätze evolutiver Prozesse auszumachen. Sicherlich mag hier und dort, beispielsweise nach auf dieser Tour gottlob nicht existenten Horrorregentagen, ein Fön für etwas anderes als die dann doch langsam aber verflucht sucher dahinsiechende Haarpracht gut sein, aber unsere Klamotten sind mittlerweile auch alle zu vernünftiger Funktionswäsche geworden, über die ich vor einem Jahrzehnt, alles jugendlich naiv besser wissend und in 100% Baumwolle radelnd, nur lachte. Zwar ist es absolut lächerlich, dass mittlerweile jeder Dreikäsehoch einer typischen Mittelstandsfamilie in Niedersachsen Jack Wolfstatzenklamotten für 500€ aufwärts tragen muss, um auch im Falle des verpassten Schulbusses im gemeingefährlichen Stadtdschungel überleben zu können, aber all unser Zeug, unverschämt überteuert wie es sicherlich auch sein mag, ist schon allererste Sahne. Auf Platz 1 steht bei mir ganz eindeutig mein neues Icrebreaker-Shirt, das als „Baselayer“, nichts liebe ich ja mehr als coole englische Begriffe, auch nach sechs Tagen deutlich weniger übel stinkt als mein tagtäglich darüber getragenes Radtrikot. Suspekt erscheint mir noch, dass ein im Shirt angebrachter Barcode die eindeutige Identifikation – mit Bild – meines neuseeländischen Merino-Schaafs ermöglichen soll. Außerdem frage ich mich, wieso, wenn für den ganzen Firlefanz mit Bildidentifikation des Viehs Geld vorhanden ist, das Shirt selbst dann doch in Indonesien hergestellt wird. Wenn dort mal keine richtig fiese Hinterhofmanufaktur für die Weberei der hundsteuren Lappen verantwortlich ist, irgendwelche armen Näherinnen, deren Macker jeden Taler gleich doppelt und dreifach verhuren oder versaufen, und denen es logischerweise vollkommen egal ist, welches Schaaf sie jetzt gerade im Akkord zu Shirts für unendlich reiche Westeuropäer wie mich verarbeiten…

…etwas genauer weiß man dann schon, wo mein heutiges Abendessen herkommt. Faszinierend auch, dass es beim Abendessen (drei Gänge, auch das dürfte eine Tourpremiere im elften Jahr sein) je Gang ziemlich genau zwei nette Wahloptionen gab und Frank und ich uns in allen drei Fällen anders entschieden. Spaghetti Bolognese oder gebratener Käse auf Salat als Vorspeisee? Schweinemedaillons und Spätzle oder fangfrische Bergforelle mit Bratkartoffeln als Hauptgericht? Melone oder Schwarzwälder Torte als Nachspeise? Ich entschied mich, so viel sei verraten, konsequent für die „Frauenvariante“, ein Titel, den ich meiner Wahl allerdings selber gab. Frank, wohl bereits bei der Selektion der Speiseoptionen den Abendspaziergang um unsere Bergalm im Hinterkopf habend, nahm konsequent bei jeder Essensetappe nicht einmal im Ansatz Rücksicht auf eventuelle Nährwerte und belastete mich zudem noch mit dem moralischen Dilemma, dass mein Fisch ja nur für mich, sein Schwein jedoch für viele Menschen gestorben sei.

Gestern war Frank die wirklich geniale Idee gekommen, statt in Canazei direkt am Sellajoch, dem immerhin vierten richtigen Pass des heutigen Tages, nach einem einsamen Refugium inmitten der Berge zu suchen. Zuerst sah die Realität vor Ort jedoch ausgesprochen mau aus, denn das nach dem Pass benannte Refugium hatte zwar noch Betten für dreißig Euro pro Nase, aber die Küche war schon dicht und ein Frühstück, so der eher missmutige und keinesfalls übertrieben geschäftstüchtige Wirt, würde es auch nicht geben. Allerdings lagen über die Passhöhe verstreut noch zwei weitere Alternativen, so dass wir schlussendlich zusammen mit vier weiteren Gästen im Refugio Salei (http://www.rifugiosalei.it/) landeten. „90% vom Umsatz machen die zwischen November und Mai“, orakelte Frank ob der gähnenden Leere inmitten des hochalpinen Skigebiets, und dürfte damit voll und ganz Recht haben. Handeln ließ man auch nicht mit sich, aber 45€ mit Frühstück oder alternativ 58€ mit dem von uns gewählten 3-Gänge-Abendmahl ist auch in Ordnung, denn, so Frank, wo für arbeitet man schließlich das ganze Jahr? Unvorstellbar, dass es morgen erst zwei Wochen her ist, dass das Schuljahr 2009/10 endlich zu Ende ging. So viel länger her und vor allem auch weiter weg fühlt es sich hier oben an – und die Aussicht ist auch allemal phänomenaler als sie irgendwo im Tal in Canazei wäre, wo man vom Hotelzimmer aus sicherlich einen unbehinderten Blick auf fünfzehn weitere Herbergen hätte. Arraba lässt grüßen.

Richtig gut angefühlt haben sich heute auch meine Beine – und das nicht nur, weil sechshundert (Extra)Höhenmeter einmal per Seilbahn absolviert wurden, als wir zur Mittagspause am Falzaregopass einen kleinen, 13,30€ teuren, Abstecher zur Bergstation der auf 2105 Meter abfahrenden Seilbahn hinzufügten und unsere Brote in luftiger Höhe genossen.  

Das Hitzeopfer liegt zu Boden - Frank nach zwei von drei Pässen. Räder und Luft standen.  

Zwar lagen noch drei weitere Pässe vor uns, aber bei bis zu 34 Grad am Tacho, praktisch keinem Wind und einer heute einmal eher, zumindest in Relation zur bisherigen Tour, miesen Form von Frank war die Pause schon wirklich gegeben. Vor allem vor dem zweiten Pass des Tages, etwas zwei Stunden später und am Fuß des Grödnerjochs, erwischte es Frank ganz übel, da ihm die stehende Hitze arg zu schaffen machte und er, erst einmal den beschaulichen Schatten einer Bank in Colfosco erreicht, mehr oder weniger gleich einnickte. Neben der Hitze spielte bei Frank auch, so konnte man zwischen den Zeilen durchhören, die kumulative Erschöpfung eine Rolle, unkte er doch auch, dass er gar nicht wüsste, warum Leute so etwas (wie diese Radtour) machen – eine Aussage, in die er uns postwendend einschloss.  

Für verrückt erklärten mich heute am Falzaregopass übrigens zwei gut beleibte Amerikaner höheren Alters auf entspannter Busreise durch die Alpen. „You are crazy going down these mountains on a bike“ – meinte der Alte, während sich seine Olle ausgesprochen lustig an den Kopf tappte. Verrückt, weil wir die verfluchten Berge mit dem Rad hinabfahren? Hallo? Zuviel Bus gefahren? Verrückt ist es, bei einer Affenhitze die dummen Gesteinsanhäufungen mit einem gut beladenen Rucksack hinaufzufahren! Am Ende unseres kurzen Intermezzos klopfte er mich noch aufmunternd auf die schwitzige Schulter und trampelte mit der Dame seiner Wahl in Richtung Souvenirshop. Keine Frage, solche Eltern oder gar Schwiegereltern könnte ich nicht gebrauchen, solche Touristen braucht Europa allerdings schon.

Analog meiner Kommentare zur vielleicht etwas übertriebenen sportlichen Herausforderung dieser Tour war es heute an Frank, unsere Leistungen fortwährend zu loben, stellte er doch fest, dass wir an fünf von sechs Tagen höher als in der Nacht zuvor gepennt haben und bereits zehntausend Höhenmeter hinter oder unter uns liegen. Solch eher monströse Statistiken sind natürlich auch kein Wunder, wenn man an einem Tag von Arraba (1600) aus zum Falzarego (2105) hochfährt, dann noch eben den nur marginal höher gelegenen Passo Valparola mitnimmt (2192), schließlich, nach einer extrem langen Abfahrt, das Grödnerjoch (2121) und am Ende nach einer weiteren Abfahrt das Sellajoch (2280).

 

Übernachtung auf luftigen 2225 Metern - nicht ganz billig, dafür aber idyllisch, einsam und - dank eines 3-Gänge-Menüs zum Abendmahl - außerordentlich schmackhaft.