Stage 5
Arraba - Passo Pordoi - Canazei - Passo di Fedaia - Arraba  
69,17 Kilometer; 04:09:43 Stunden

   WB01343_.gif (599 Byte)    WB01344_.gif (644 Byte)    WB01345_.gif (616 Byte)

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de) 

„Wenn jemand verbotenerweise etwas besteigt, es aber niemand merkt, hat er dann etwas Verbotenes getan?“, frage ich Frank gerade, nachdem er „stolz“ davon berichtet, beim Abendspaziergang noch eben einen Träger eines dorfnahen Skilifts bestiegen zu haben – ungeachtet der natürlich reichlich vorhandenen Verbotsschilder. „Bei uns in Deutschland sperren sie so etwas dann

Der Passo Pordoi, erste von drei Herausforderungen des Tages. Links unten Frank beim Gipfelsturm am Ende von 33 wirklich schönen Kehren. 

 auch ab“, erwiderte er und dürfte damit wohl Recht haben. Nicht, dass es wirklich jemanden interessieren sollte.

Nun duscht er erst einmal erneut, da die „Wanderklamotten“ auch fertig haben. Mir schwant, dass der Spaziergang den Berg hinauf einer Verschwendung kostbarer Kleidungsvorräte gleichkommt, aber zumindest wird Frank am Ende unseres Unterfangs frisch gekleidet nach Hause kommen, da er sich, Planungsgenie wie er quasi geworden scheint, bereits vor der Abreise aus Köln ein Paket mit sauberer Wäsche und Wanderschuhen an den Starnberger See schickte, wo die Tour für ihn mit der Erklimmung der Zugspitze enden soll. Klamotten im Vorfeld verschicken, laminierte Etappenkärtchen, auch wenn sie nutzlos wurden, im voraus gebuchte Übernachtungen: Schrecklich, was für Planungsfetischisten wir geworden sind, aber das Frank sich für den Rückflug sogar bereits einen Fahrradkarton in Starnberg organisiert hat, verdient Respekt. All die Planungsprofessionalität raubt diesen Touren sicherlich viel ihres ehemaligen Abenteuercharakters, aber trotz allem finde auch ich es tendenziell gut, nicht mehr wie früher vollkommen ins Blaue zu fahren.

Wohl wahr – unsere jetzige Streckenführung entspricht bestimmt kaum noch Franks ursprünglicher Planung, da wir, so glaube ich, wesentlich weniger ambitioniert das Unesco Naturerbe der Dolomiten durchkreuzen, als er sich das vor einiger Zeit noch ausgemalt hat, aber ich denke, dass er ganz gut auf meine Form 2010 reagiert hat und wir jetzt endlich einen wirklich formidablen Urlaub haben. Falls die Arbeit im Sattel nicht reicht, kann man es ja immer noch mit der Besteigung von Skiliftanlagen kombinieren und dürfte somit dann immer noch die 2.000 Höhenmeter pro Tag voll bekommen – 1.800 waren es heute nämlich bereits im Sattel.

Und die waren – quasi als Abbild des gestrigen Gesamteindrucks – einmal wieder traumhaft schön bei erneut fantastischen äußeren Bedingungen, wenngleich es schon komisch anmutet, wenn es selbst hier auf 1600 Metern über dem weltumspannenden Nass in Arraba noch brütend heiß und auf den Pässen jenseits der 2000 Meter keinesfalls kalt ist. Absolutes Highlight des Tages war sicherlich gleich zu Beginn der Passo Pordoi, bis zu dem wir von Arraba aus 53 Minuten benötigten, 53 Minuten, die es aber ordentlich in sich hatten, wartete doch gleich der erste, noch durch das Dorf verlaufende Kilometer, mit 63 Höhenmetern auf.

„Dorf“ ist vielleicht eh der falsche Begriff, da Arraba eher eine zwar nicht endlose aber doch beachtliche Aneinanderreihung von Übernachtungsmöglichkeiten ist, die mir aber im Moment allesamt entweder leer oder quasi-leer erscheinen. Aber egal; viel besser beziehungsweise flacher als im Undorf wurde es bis zur Passhöhe nach einmal mehr 33 Kehren nicht, aber vor allem die Abfahrt im Anschluss war der reinste Genuss, genauso wie anschließend weitere 600 Höhenmeter hinauf bis zum Fedaiapass auf 2057 Metern, von wo aus wir nach einer recht langgezogenen Mittagspause rund 1000 Höhenmeter in die Tiefe nach Caprile hinabging.

Besonders fies war heute übrigens der Anstieg von Caprile zum Pass hinauf, den wir in unserer Fahrtrichtung natürlich nicht genießen durften. Franks Passbeschreibungen deuteten schon dezent an, dass man auf manchen Streckensegmenten durchaus auch einmal bis zu 100 km/h erreichen könnte, wenn man es denn wollte, was daran liegt, dass die Freunde vom Straßenbauamt den Pass relativ gnadenlos den Berg hinaufprügelten. 15% Steigung und ellenlange Geraden motivieren nicht wirklich, wenn man den Berg hinauf muss, so wie man auch in den Gesichtern unzähliger Radfahrer in uns entgegenkommender Fahrtrichtung erahnen konnte, aber auch berghinaus ließen wir es nur moderat rollen. Einmal einhundert pro Stunde und dann ins Grab wollten wir uns nicht wirklich antun, bremsten uns die Hände taub und die Bremsblöcke heiß und hatten so wesentlich mehr von der Abfahrt, als wir es jenseits der 50-55 km/h gehabt hätten. Man wird, so merkt man, älter.

Wirklich gut im Tritt war ich heute auch der „erste“ von uns beiden oben am Pordoi, vor allem, da ich zwei andere Rennradler aufgabelte, von denen einer bei jedem Tritt zu sterben schien und mich damit ordentlich anstachelte, an seinem Hinterrad kleben zu bleiben. Radler 2 im Bunde war wesentlich fitter und deutete oft Überholmanöver in Richtung seines vorausfahrenden und mit jedem Tritt dahinsiechenden Kumpanen an. Ich, als Dritter im Bunde, hatte mir fest vorgenommen, auch ihn kurz vor dem Gipfel anzugreifen, falls er seinem Mitstreiter doch noch überholen sollte. Da er dies, wohl aus Respekt vor dessen Verfassung, nicht tat, blieb mir mein Schlussspurt verwehrt, aber die Erfahrung vergangener Jahre zeigt auch, dass es nur mäßig schlau ist, gleich am ersten von drei Anstiegen des Tages absoluten Schindluder zu treiben. Spaß hätte es trotzdem gemacht.

Etwas zäh wurden schlussendlich die letzten 600 Höhenmeter des Tages, an dem es insgesamt drei Mal ungefähr gleich weit hinaufging. Im Gegensatz zum Pordoi und Fedaia gab es beim letzten Anstieg jedoch keinen Pass zur Belohnung, musste man sich doch schlichtweg einfach wieder nach Arraba zurückarbeiten. Frank hatte bei der dritten Tageshürde wesentlich mehr in den Beinen, meinte zwar noch, wohl auch ohne es selbst auch nur den Hauch einer Sekunde zu glauben, dass er mir nicht gleich fünf Kilometer davonradeln wollte, tat es dann aber trotzdem, was mir dann auch egal war. Mit einigen Pausen und gegenüber Frank einer ordentlichen Prise Verspätung kam ich aber auch angemessen erschöpft ins Ziel, fand somit auch gleich eine freie Dusche vor und hatte die erste Halbzeit des Spiels zwischen Holland und der Slowakei verpasst, was mir, ganz ehrlich, kaum hätte gleichgültiger sein können.

Gut gestärkt ist halb getreten - rund 1800 Höhenmeter galt es heute zu überwinden, aber 
da unser Gepäck im Hotel ruhte, war alles auch nur noch halb so wild. 

Gleich, es dürfte jetzt circa viertel nach acht sein, werde ich wohl von der Terrasse ins Zimmer umziehen und auch etwas Brasilien versus Chile schauen. Vielleicht muss man sich einmal mehr fragen, was denn ist, wenn jemand ein Tor geschossen, es aber keiner gesehen hat. Hat er dann ein Tor geschossen oder nicht? Eben. Asche auf unsere gesenkten Häupter. Die deutsche Nationalmannschaft. Mein Messer. Franks Skiliftanlage. Meinetwegen noch ein Sack Reis in China. Wer nicht mehr folgen kann: Egal, der Eintrag ist eh vorbei. Vielleicht auch besser so.

Franks heutiger Epilog: Die Turmbesteigung.