
Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke
(berntpv@gmx.de)
„Wenn
jemand verbotenerweise etwas besteigt, es aber niemand merkt, hat er dann
etwas Verbotenes getan?“, frage ich Frank gerade, nachdem er „stolz“
davon berichtet, beim Abendspaziergang noch eben einen Träger eines
dorfnahen Skilifts bestiegen zu haben – ungeachtet der natürlich
reichlich vorhandenen Verbotsschilder. „Bei uns in Deutschland sperren
sie so etwas dann
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| Der
Passo Pordoi, erste von drei Herausforderungen des Tages. Links
unten Frank beim Gipfelsturm am Ende von 33 wirklich schönen
Kehren. |
auch ab“, erwiderte er und dürfte damit wohl Recht
haben. Nicht, dass es wirklich jemanden interessieren sollte.
Nun duscht er erst einmal erneut, da die
„Wanderklamotten“ auch fertig haben. Mir schwant, dass der Spaziergang
den Berg hinauf einer Verschwendung kostbarer Kleidungsvorräte
gleichkommt, aber zumindest wird Frank am Ende unseres Unterfangs frisch
gekleidet nach Hause kommen, da er sich, Planungsgenie wie er quasi
geworden scheint, bereits vor der Abreise aus Köln ein Paket mit sauberer
Wäsche und Wanderschuhen an den Starnberger See schickte, wo die Tour für
ihn mit der Erklimmung der Zugspitze enden soll. Klamotten im Vorfeld
verschicken, laminierte Etappenkärtchen, auch wenn sie nutzlos wurden, im
voraus gebuchte Übernachtungen: Schrecklich, was für
Planungsfetischisten wir geworden sind, aber das Frank sich für den Rückflug
sogar bereits einen Fahrradkarton in Starnberg organisiert hat, verdient
Respekt. All die Planungsprofessionalität raubt diesen Touren sicherlich
viel ihres ehemaligen Abenteuercharakters, aber trotz allem finde auch ich
es tendenziell gut, nicht mehr wie früher vollkommen ins Blaue zu fahren.
Wohl wahr – unsere jetzige Streckenführung
entspricht bestimmt kaum noch Franks ursprünglicher Planung, da wir, so
glaube ich, wesentlich weniger ambitioniert das Unesco Naturerbe der
Dolomiten durchkreuzen, als er sich das vor einiger Zeit noch ausgemalt
hat, aber ich denke, dass er ganz gut auf meine Form 2010 reagiert hat und
wir jetzt endlich einen wirklich formidablen Urlaub haben. Falls die
Arbeit im Sattel nicht reicht, kann man es ja immer noch mit der
Besteigung von
Skiliftanlagen kombinieren und dürfte somit dann immer
noch die 2.000 Höhenmeter pro Tag voll bekommen – 1.800 waren es heute
nämlich bereits im Sattel.
Und die waren – quasi als Abbild des
gestrigen Gesamteindrucks – einmal wieder traumhaft schön bei erneut
fantastischen äußeren Bedingungen, wenngleich es schon komisch anmutet,
wenn es selbst hier auf 1600 Metern über dem weltumspannenden Nass in
Arraba noch brütend heiß und auf den Pässen jenseits der 2000 Meter
keinesfalls kalt ist. Absolutes Highlight des Tages war sicherlich gleich
zu Beginn der Passo Pordoi, bis zu dem wir von Arraba aus 53 Minuten benötigten,
53 Minuten, die es aber ordentlich in sich hatten, wartete doch gleich der
erste, noch durch das Dorf verlaufende Kilometer, mit 63 Höhenmetern auf.
„Dorf“ ist vielleicht eh der falsche
Begriff, da Arraba eher eine zwar nicht endlose aber doch beachtliche
Aneinanderreihung von Übernachtungsmöglichkeiten ist, die mir aber im
Moment allesamt entweder leer oder quasi-leer erscheinen. Aber egal; viel
besser beziehungsweise flacher als im Undorf wurde es bis zur Passhöhe
nach einmal mehr 33 Kehren nicht, aber vor allem die Abfahrt im Anschluss
war der reinste Genuss, genauso wie anschließend weitere 600 Höhenmeter
hinauf bis zum Fedaiapass auf 2057 Metern, von wo aus wir nach einer recht
langgezogenen Mittagspause rund 1000 Höhenmeter in die Tiefe nach Caprile
hinabging.
Besonders fies war heute übrigens der
Anstieg von Caprile zum Pass hinauf, den wir in unserer Fahrtrichtung natürlich
nicht genießen durften. Franks Passbeschreibungen deuteten schon dezent
an, dass man auf manchen Streckensegmenten durchaus
auch einmal bis zu 100
km/h erreichen könnte, wenn man es denn wollte, was daran liegt, dass die
Freunde vom Straßenbauamt den Pass relativ gnadenlos den Berg hinaufprügelten.
15% Steigung und ellenlange Geraden motivieren nicht wirklich, wenn man
den Berg hinauf muss, so wie man auch in den Gesichtern unzähliger
Radfahrer in uns entgegenkommender Fahrtrichtung erahnen konnte, aber auch
berghinaus ließen wir es nur moderat rollen. Einmal einhundert pro Stunde
und dann ins Grab wollten wir uns nicht wirklich antun, bremsten uns die Hände
taub und die Bremsblöcke heiß und hatten so wesentlich mehr von der
Abfahrt, als wir es jenseits der 50-55 km/h gehabt hätten. Man wird, so
merkt man, älter.
Wirklich gut im Tritt war ich heute auch der
„erste“ von uns beiden oben am Pordoi, vor allem, da ich zwei andere
Rennradler aufgabelte, von denen einer bei jedem Tritt zu sterben schien
und mich damit ordentlich anstachelte, an seinem Hinterrad kleben zu
bleiben. Radler 2 im Bunde war wesentlich fitter und deutete oft Überholmanöver
in Richtung seines vorausfahrenden und mit jedem Tritt dahinsiechenden
Kumpanen an. Ich, als Dritter im Bunde, hatte mir fest vorgenommen, auch
ihn kurz vor dem Gipfel anzugreifen, falls er seinem Mitstreiter doch noch
überholen sollte. Da er dies, wohl aus Respekt vor dessen Verfassung,
nicht tat, blieb mir mein Schlussspurt verwehrt, aber die Erfahrung
vergangener Jahre zeigt auch, dass es nur mäßig schlau ist, gleich am
ersten von drei Anstiegen des Tages absoluten Schindluder zu treiben. Spaß
hätte es trotzdem gemacht.
Etwas zäh wurden schlussendlich die letzten
600 Höhenmeter des Tages, an dem es insgesamt drei Mal ungefähr gleich
weit hinaufging. Im Gegensatz zum Pordoi und Fedaia gab es beim letzten
Anstieg jedoch keinen Pass zur Belohnung, musste man sich doch schlichtweg
einfach wieder nach Arraba zurückarbeiten. Frank hatte bei der dritten
Tageshürde wesentlich mehr in den Beinen, meinte zwar noch, wohl auch
ohne es selbst auch nur den Hauch einer Sekunde zu glauben, dass er mir
nicht gleich fünf Kilometer davonradeln wollte, tat es dann aber
trotzdem, was mir dann auch egal war. Mit einigen Pausen und gegenüber
Frank einer ordentlichen Prise Verspätung kam ich aber auch angemessen
erschöpft ins Ziel, fand somit auch gleich eine freie Dusche vor und
hatte die erste Halbzeit des Spiels zwischen Holland und der Slowakei
verpasst, was mir, ganz ehrlich, kaum hätte gleichgültiger sein können.
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Gut
gestärkt ist halb getreten - rund 1800 Höhenmeter galt es heute
zu überwinden, aber
da unser Gepäck im Hotel ruhte, war alles auch nur noch halb so
wild. |
Gleich, es dürfte jetzt circa viertel nach
acht sein, werde ich wohl von der Terrasse ins Zimmer umziehen und auch
etwas Brasilien versus Chile schauen. Vielleicht muss man sich einmal mehr
fragen, was denn ist, wenn jemand ein Tor geschossen, es aber keiner
gesehen hat. Hat er dann ein Tor geschossen oder nicht? Eben. Asche auf
unsere gesenkten Häupter. Die deutsche Nationalmannschaft. Mein Messer.
Franks Skiliftanlage. Meinetwegen noch ein Sack Reis in China. Wer nicht
mehr folgen kann: Egal, der Eintrag ist eh vorbei. Vielleicht auch besser
so.