Stage 10
Umhausen - Kühtai - Innsbruck
63,87 Kilometer; 03:13:56 Stunden

   WB01343_.gif (599 Byte)    WB01344_.gif (644 Byte)   

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de)  

Vielleicht bezeichnenderweise verließ ich Frank in seinem unscheinbaren Innsbrucker Hotel zur Halbzeit des Viertelfinalspiels zwischen Deutschland und Argentinien – sehr zu meiner Freude beim Zwischenstand von 1:0 für „uns“, wobei so mancher der „unsrigen“ doch wieder etwas irritierte, als ich sie zwei Stunden zuvor, Bierdosen in der Hand, Arme und Beine kräftig tätowiert, schon am Innsbrucker Bahnhof herumschreiten sah. Ein seltsames „wir“, zu dem ich mich zu Zeiten der WM einmal wieder „zugehörig“ fühle, zugehörig fühle, sobald Özil, Podolski und Klose im weit entfernten Kapstadt aufs satte Grün marschieren und, wie die Bild-Zeitung debil in Schriftgröße 150 titelte, Messi ordentlich auf die Fressi geben sollen. Schämen sollte man sich, falls der eigene Sohn oder die eigene Tochter eines Tages bei der Bild unterkommen sollte – und während ich bis vor einiger Zeit noch leicht idealistisch angehaucht der Meinung war, dass es besser ist, eine als keine Tageszeitung zu lesen, bin ich mittlerweile felsenfest davon überzeugt, dass dies für den Fall der einfach nur unglaublich peinlichen Bild explizit nicht gilt.

Bezeichnenderweise verschwand ich während der Halbzeit, da zwar der Tag meines Abschieds gekommen ist, jedoch nicht das Ende von Franks Urlaub beziehungsweise Tour, die morgen noch eine elfte und recht lange Etappe nach Starnberg sehen wird, wo er es dann mit einigen Tagen am See und gegebenenfalls der Besteigung der Zugspitze ausklingen lassen möchte. Die Zugspitze ist definitiv auch noch eines meiner Ziele, denn wie lächerlich mutet es an, dass ich zwar weltweit auf zig Wanderungen schon auf zig Gipfeln oder Kämmen war, gleichzeitig jedoch den höchsten Berg Deutschlands noch nicht erwandert habe. Andererseits könnte man hier, genauso wie bei der temporären Fußballidentifikation, wieder auf die pure Willkürlichkeit der identitätsstiftenden Einheit des modernen Nationalstaats mitsamt seiner Grenzen verweisen, aber Fakt ist, dass die Welt geordnet ist, wie sie ist, und ich der Meinung bin, dass man eigentlich erst einmal die Zugspitze bewandern muss, bevor man auf Teneriffa oder in Oregon oder gar Neuseeland irgendwelche Gipfel erklimmen darf.

„Heute ist nicht mein Tag“; murrte Frank vor wenigen Stunden und sichtlich vom Kühtai gezeichnet, der letzten größeren Anstrengung unseres gemeinsamen Unterfangens 2010, bei dem wir einmal mehr 1200 Höhenmeter in den Berg hinauffuhren. „Kannst Du mir noch einmal daran erinnern, warum genau wir diesen Pass fahren?“; wollte Frank ebenfalls bereits etwas früher an dem extrem steilen, absolut überflüssigen und vollkommen unrhythmisch zu fahrenden Anstieg wissen, genauso, wie er nach einem mit bis zu 15% Steigung besonders steilen Segment mein „vielleicht schaffen wir auch 16%“ nur lakonisch mit „vielleicht falle ich auch tot vom Rad“ beantwortete. Nach zehn ununterbrochenen Tagen, von denen acht mehr als eintausend (und ein mal 999), sieben über 1500 und immerhin noch zwei über 2000 Höhenmeter hatten, steht außer Frage, dass uns ein richtiger Ruhetag gut tun würde, wenn die Tour hier nicht zu Ende wäre. Zehn Tage am Stück haben wir definitiv seit Jahren nicht mehr im Sattel verbracht, aber für Frank werden es zumindest elf werden. Zehn Tage, die nach meinen anfänglichen Form- und vor allem auch Motivationsproblemen bestimmt als eines meiner absoluten Highlights 2010 stehen bleiben werden.

Erschwerend kam heute hinzu, dass wir auf der ersten jemals komplett regenfreien Radtour einmal mehr im Glutofen unterwegs waren und es scheint, als würde es Tag für Tag heißer. Auch am Nachmittag in Innsbruck konnte man es kaum aushalten und die Stadt lag uns dermaßen ausgestorben zu Füßen, dass man glatt denken konnte, eine Quasi-Geisterstadt zu besuchen. Ganz ohne Frage zog es ein jeder der konnte vor, zu Hause den einsamen Hitzekollaps zu erleiden – und auch die eher mäßig einladende WM-Meile nahe Franks Hotel war bei unserer Ankunft bestenfalls spärlich besucht. Das insgesamt natürlich trotzdem geniale Wetter verdanken wir übrigens Franks Regenhose, da er erstmals überhaupt etwas Stauraum für ein solches Utensil opferte und es somit natürlich prompt trocken blieb. Für Deutschland wurden heute ganz nebenbei Temperaturen bis 38 Grad im Schatten gemeldet und auch in Innsbruck waren es nur zwei Grad weniger. Franks bemerkenswerter Schweißausbruch während des Anstiegs zum Kühtai verleitete mich auch zu der vielleicht politisch nicht ganz korrekten Aussage, dass irgendein x-beliebiges afrikanisches Dorf den kollektiven Flüssigkeitsbedarf einer Woche auch damit decken könnte, Frank schlichtweg abzuschlabbern, wobei das Problem der Entsalzung natürlich noch zu klären wäre.

Solche durchaus abartigen Vorstellungen kommen einem aber auch nur dann, wenn man selber zwanzig Grad unter den höchsten jemals auf Erden gemessenen Temperaturen den wohl ungleichmäßigsten Pass der Tour fährt und einem bei Geschwindigkeiten unterhalb der Zehnermarke bestenfalls noch Erinnerungen an angenehme Phänomene wie beispielsweise den sogenannten „Fahrtwind“ bleiben. Viel Gewicht sparte Frank dafür aber auf der Abfahrt, da ein freundlicher Kiosk in der Dorfmitte ihn um jede Menge Schacken erleichterte – für ein nun wirklich kleines Eis, eine Dose Cola und eine Tüte Fruchtgummi durfte Frank nämlich 7,30€ abdrücken.

Nett auch die rund 23 Kilometer lange Abfahrt von Kühtai ins Tal hinab, da man quasi ohne nennenswerte Beanspruchung der bereits zu genüge strapazierten Beinmuskulatur bis in die Vororte Innsbrucks rollen konnte und allenfalls mit taubgebremsten

Wer Motorräder hasst, sollte nicht mit dem Velo durch die Alpen brettern. Sicherlich ist dieses Foto, aufgenommen wenige Kilometer vor Kühtai, nicht repräsentativ, aber wirklich verkehrsarme Straßen sucht man - auch auf noch so abgelegenen Pässen - zumeist vergeblich. 

Händen zu kämpfen hatte. Total irreal mutete heute Vormittag auch Franks Kommentar an, dass ich morgen um dieselbe Zeit bereits zu Imkes Geburtstag in Oldenburg und wahrscheinlich dort am Frühstückstisch sein würde. So jäh und abrupt die Tour auch das Schuljahr beendete und mich quasi mit dem abgegriffenen Klassenbuch in der Hand auf den viel zu großen Großglockner schmiss, so jäh und abrupt wird sie nun auch wieder zu Ende gehen.

So – so schwant mir – spielt das Leben, aber Gott sei Dank ist nach der Tour ja vor der Tour – und Touren wie diese legitimieren ohne Zweifel die auch nicht immer unterhaltsame oder einfach zu organisierende Schinderei im Vorfeld, wenngleich ich schon einmal mehr Zeit für die Vorbereitung hatte. Wenn ich mich aber daran erinnere, wie schrecklich es war, zwei Wochen vor der Abreise bei monströsen Windverhältnissen und jeder Menge Nieselregen durchs Oldenburger Umland zu radeln, dabei achtzig Kilometer abzureißen und nicht einen Deut an Freude zu verspüren, dann weiß ich nun, dass es jede Pedalumdrehung wert war. Und es eine verdammt gute Antwort auf die Frage gibt, die mir damals sickend nass auf dem Rad kauernd durch den Kopf ging: „Was soll dieser Mist?“