
Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke
(berntpv@gmx.de)
Vielleicht
bezeichnenderweise verließ ich Frank in seinem unscheinbaren Innsbrucker
Hotel zur Halbzeit des Viertelfinalspiels zwischen Deutschland und
Argentinien – sehr zu meiner Freude beim Zwischenstand von 1:0 für
„uns“, wobei so mancher der
„unsrigen“ doch wieder etwas
irritierte, als ich sie zwei Stunden zuvor, Bierdosen in der Hand, Arme
und Beine kräftig tätowiert, schon am Innsbrucker Bahnhof herumschreiten
sah. Ein seltsames „wir“, zu dem ich mich zu Zeiten der WM einmal
wieder „zugehörig“ fühle, zugehörig fühle, sobald Özil, Podolski
und Klose im weit entfernten Kapstadt aufs satte Grün marschieren und,
wie die Bild-Zeitung debil in Schriftgröße 150 titelte, Messi ordentlich
auf die Fressi geben sollen. Schämen sollte man sich, falls der eigene
Sohn oder die eigene Tochter eines Tages bei der Bild unterkommen sollte
– und während ich bis vor einiger Zeit noch leicht idealistisch
angehaucht der Meinung war, dass es besser ist, eine als keine
Tageszeitung zu lesen, bin ich mittlerweile felsenfest davon überzeugt,
dass dies für den Fall der einfach nur unglaublich peinlichen Bild
explizit nicht gilt.
Bezeichnenderweise verschwand ich während
der Halbzeit, da zwar der Tag meines Abschieds gekommen ist, jedoch nicht
das Ende von Franks Urlaub beziehungsweise Tour, die morgen noch eine
elfte und recht lange Etappe nach Starnberg sehen wird, wo er es dann mit
einigen Tagen am See und gegebenenfalls der Besteigung der Zugspitze
ausklingen lassen möchte. Die Zugspitze ist definitiv auch noch eines
meiner Ziele, denn wie lächerlich mutet es an, dass ich zwar weltweit auf
zig Wanderungen schon auf zig Gipfeln oder Kämmen war, gleichzeitig
jedoch den höchsten Berg Deutschlands noch nicht erwandert habe.
Andererseits könnte man hier, genauso wie bei der temporären Fußballidentifikation,
wieder auf die pure Willkürlichkeit der identitätsstiftenden Einheit des
modernen Nationalstaats mitsamt seiner Grenzen verweisen, aber Fakt ist,
dass die Welt geordnet ist, wie sie ist, und ich der Meinung bin, dass man
eigentlich erst einmal die Zugspitze bewandern muss, bevor man auf
Teneriffa oder in Oregon oder gar Neuseeland irgendwelche Gipfel erklimmen
darf.
„Heute ist nicht mein Tag“; murrte Frank
vor wenigen Stunden und sichtlich vom Kühtai gezeichnet, der letzten größeren
Anstrengung unseres gemeinsamen Unterfangens 2010, bei dem wir einmal mehr
1200 Höhenmeter in den Berg hinauffuhren. „Kannst Du mir noch einmal
daran erinnern, warum genau wir diesen Pass fahren?“; wollte Frank
ebenfalls bereits etwas früher an dem extrem steilen, absolut überflüssigen
und vollkommen unrhythmisch zu fahrenden Anstieg wissen, genauso, wie er
nach einem mit bis zu 15% Steigung besonders steilen Segment mein
„vielleicht schaffen wir auch 16%“ nur lakonisch mit „vielleicht
falle ich auch tot vom Rad“ beantwortete. Nach zehn ununterbrochenen
Tagen, von denen acht mehr als eintausend (und ein mal 999), sieben über
1500 und immerhin noch zwei über 2000 Höhenmeter hatten, steht außer
Frage, dass uns ein richtiger Ruhetag gut tun würde, wenn die Tour hier
nicht zu Ende wäre. Zehn Tage am Stück haben wir definitiv seit Jahren
nicht mehr im Sattel verbracht, aber für Frank werden es zumindest elf
werden. Zehn Tage, die nach meinen anfänglichen Form- und vor allem auch
Motivationsproblemen bestimmt als eines meiner absoluten Highlights 2010
stehen bleiben werden.

Erschwerend kam heute hinzu, dass wir auf der
ersten jemals komplett regenfreien Radtour einmal mehr im Glutofen
unterwegs waren und es scheint, als würde es Tag für Tag heißer. Auch
am Nachmittag in Innsbruck konnte man es kaum aushalten und die Stadt lag
uns dermaßen ausgestorben zu Füßen, dass man glatt denken konnte, eine
Quasi-Geisterstadt zu besuchen. Ganz ohne Frage zog es ein jeder der
konnte vor, zu Hause den einsamen Hitzekollaps zu erleiden – und auch
die eher mäßig einladende
WM-Meile nahe Franks Hotel war bei unserer
Ankunft bestenfalls spärlich besucht. Das insgesamt natürlich trotzdem
geniale Wetter verdanken wir übrigens Franks Regenhose, da er erstmals überhaupt
etwas Stauraum für ein solches Utensil opferte und es somit natürlich
prompt trocken blieb. Für Deutschland wurden heute ganz nebenbei
Temperaturen bis 38 Grad im Schatten gemeldet und auch in Innsbruck waren
es nur zwei Grad weniger. Franks bemerkenswerter Schweißausbruch während
des Anstiegs zum Kühtai verleitete mich auch zu der vielleicht politisch
nicht ganz korrekten Aussage, dass irgendein x-beliebiges afrikanisches
Dorf den kollektiven Flüssigkeitsbedarf einer Woche auch damit decken könnte,
Frank schlichtweg abzuschlabbern, wobei das Problem der Entsalzung natürlich
noch zu klären wäre.
Solche durchaus abartigen Vorstellungen
kommen einem aber auch nur dann, wenn man selber zwanzig Grad unter den höchsten
jemals auf Erden gemessenen Temperaturen den wohl ungleichmäßigsten Pass
der Tour fährt und einem bei Geschwindigkeiten unterhalb der Zehnermarke
bestenfalls noch Erinnerungen an angenehme Phänomene wie beispielsweise
den sogenannten „Fahrtwind“ bleiben. Viel Gewicht sparte Frank dafür
aber auf der Abfahrt, da ein freundlicher Kiosk in der Dorfmitte ihn um
jede Menge Schacken erleichterte – für ein nun wirklich kleines Eis,
eine Dose Cola und eine Tüte Fruchtgummi durfte Frank nämlich 7,30€
abdrücken.
Nett auch die rund 23 Kilometer lange Abfahrt
von Kühtai ins Tal hinab, da man quasi ohne nennenswerte Beanspruchung
der bereits zu genüge strapazierten Beinmuskulatur bis in die Vororte
Innsbrucks rollen konnte und allenfalls mit taubgebremsten
 |
| Wer
Motorräder hasst, sollte nicht mit dem Velo durch die Alpen
brettern. Sicherlich ist dieses Foto, aufgenommen wenige Kilometer
vor Kühtai, nicht repräsentativ, aber wirklich verkehrsarme
Straßen sucht man - auch auf noch so abgelegenen Pässen - zumeist
vergeblich. |
Händen zu kämpfen
hatte. Total irreal mutete heute Vormittag auch Franks Kommentar an, dass
ich morgen um dieselbe Zeit bereits zu Imkes Geburtstag in Oldenburg und
wahrscheinlich dort am Frühstückstisch sein würde. So jäh und abrupt
die Tour auch das Schuljahr beendete und mich quasi mit dem abgegriffenen
Klassenbuch in der Hand auf den viel zu großen Großglockner schmiss, so
jäh und abrupt wird sie nun auch wieder zu Ende gehen.
So – so schwant mir – spielt das Leben,
aber Gott sei Dank ist nach der Tour ja vor der Tour – und Touren wie
diese legitimieren ohne Zweifel die auch nicht immer unterhaltsame oder
einfach zu organisierende Schinderei im Vorfeld, wenngleich ich
schon einmal mehr Zeit für die Vorbereitung hatte. Wenn ich mich aber
daran erinnere, wie schrecklich es war, zwei Wochen vor der Abreise bei
monströsen Windverhältnissen und jeder Menge Nieselregen durchs
Oldenburger Umland zu radeln, dabei achtzig Kilometer abzureißen und
nicht einen Deut an Freude zu verspüren, dann weiß ich nun, dass es jede
Pedalumdrehung wert war. Und es eine verdammt gute Antwort auf die Frage
gibt, die mir damals sickend nass auf dem Rad kauernd durch den Kopf ging:
„Was soll dieser Mist?“