
Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke
(berntpv@gmx.de)
Während
Frank mich gerade wohl eher spaßhaft als Asi tituliert, da ich, halb das
Timmelsjoch hinauf, in einer eigens von ihm zur Pause auserkorenen Raststätte
auf monetäre Tauschgeschäfte verzichte, erholen sich die Beine von den
ersten vierzehn Kilometern am Joch. 14 Kilometer, die mir, stolz meine
Konsumentensouveränität bewahrend und einen einsamen Schattenblatz
belagernd, leider bei weitem nicht steil genug waren.
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ersten 100 Meter waren vielleicht noch relativ flach; dann ging es
aber flugs (Bild rechts, Straße rechts) in den Berg hinein und
nur unwesentlich später galt es bereits, die Aussicht auf Moos zu
genießen. |
Wer jetzt vermutet, dass ich à la Popeye auf
Epospinat vor Kraft nur so strotze und am liebsten gleich den Mount
Everest auf einer bestimmt irgendwann von den Chinesen gebauten
Asphalttrasse erradeln würde, sei in seine Schranken verwiesen, denn ich
hätte einfach bereits gerne mehr hinter und weniger vor mir. Fakt ist und
bleibt, dass wir von Moos aus, wo wir nächtigten und eher spartanisch
abgefrühstückt wurden, 22 Kilometer und 1400-1500 Höhenmeter abspulen müssen,
und wenn von den Höhenmetern rund acht Kilometer vor dem sich bestimmt
nicht mehr verrückenden Gipfel noch etwa 700 Höhenmeter fehlen und der
Berghang im gleißenden Sonnenlicht liegt, weiß man ziemlich genau, was
schon war und was noch kommt. Wie damit umgehen? Frank hat den
intelligenten Rat parat, dass man „wenn es gleich wehtut…einfach die
Aussicht genießen (soll)“.
Beschreiben lässt sich der heutige Bergritt
am ehesten als Treppensteigen auf Riesenstufen (Panoramablick vom flachen
Segment aus auf den im linken Bild über den Berg führenden Pass genau
über diesen Zeilen). Aus Moos hinaus war es
ohne jegliche
Aufwärmphase acht Kilometer lang unheimlich steil und dann
fünf viel zu lange Kilometer beinahe flach (+ 40 Höhenmeter). Und nun,
mit dem stattlichen Rest, folgt halt die zweite Stufe, wohl steiler als
die erste aus Moos hinaus und definitiv wesentlich
luftiger. Andere Radler
sind kaum am für Kraftfahrzeuge löblicherweise kostenpflichtigen Stieg
zu sehen, aber wenn, dann sind sie einmal wieder schneller. Außer Frage
steht jedoch, dass das Timmelsjoch ein wirklich würdiger Abschluss der
diesjährigen Radelepisode und sicherlich eine der schönsten alpinen
Passherausforderungen überhaupt ist. Durch das Tal auf den schon lange
sichtbaren und sich hoch oben durch die karge Berglandschaft schlängelnden
Serpentinenpass hin zu radeln ist einfach bloß atemberaubend – und
genauso wird der Pass auch gleich werden, sobald Frank aufgetrunken hat
und wir nicht nur vom Ausblick den Atem verlieren werden.
„…ich glaube ja sowieso, dass Radfahrer
am Arsch einen Schalter eingebaut haben, mit dem sich beim Bergabfahren
jede Vernunft ausschalten lässt“, zitiert das Ötztaler
Touristenmagazin Rallyestar Röhrl (nicht, dass ich ihn kennen würde…)
in einem Artikel über den Ötztaler Radmarathon, für dessen Pensum –
238 Kilometer und 5500 Höhenmeter über Kühtai, Brenner, Jauffenpass und
Timmelsjoch – wir etwa drei volle Tage veranschlagen würden – und
nicht etwas über neun Stunden wie die Bekloppten, die den Marathon Jahr für
Jahr gewinnen. Der Reiz des Marathons, so wird einer der Organisatoren
vollmundig zitiert, liegt auch darin, „in der modernen Welt Freiräume
zur Selbsterfahrung zu schaffen, denn wo hat der arbeitende Mensch…heute
noch die Möglichkeit dazu, etwas mit allen Sinnen zu spüren und an seine
Grenzen zu gehen?“. Nicht böse gemeint, aber wahrscheinlich hat es auch
etwas mit der Art der Arbeit zu tun, aber auch für Schreibtischhengste
wie Frank oder kreideschwingende Nichtpraktiker wie mich müsste diese
Aussage ja so zutreffen - und für mich war bereits unser heutiger Tag
ganzheitliche Erfahrung jenseits des Alltagslebens genug. Wie viele
normale, moderne Arbeitsmenschen den Marathon auch wirklich
fahren können
sei einmal dahingestellt, aber normal ist dort im Teilnehmerfeld bestimmt
niemand mehr.
Rückblickend lässt sich heute berichten,
dass wir auf den ersten zehn Kilometern des Tages gleich 631 Höhenmeter
kraxeln mussten, auf den zweiten zehn Kilometern 585 Höhenmeter und dann
noch einmal rund 180
auf den letzten beiden, die es wirklich in sich
hatten. Kilometer acht bis dreizehn waren, wie bereits berichtet, vollends
flach, so dass diese Zehnkilometerstatistiken auch nur bedingt dazu
taugen, die Schwierigkeit der Streckensegmente genau wiederzugeben. Da wir
heute sofort vom Ortsausgang von Moos aus in den steilen Anstieg
hineinarbeiteten, lassen auch die bis zum Pass geradelten
Durchschnittsgeschwindigkeiten Rückschlüsse auf das seit Tagen zu
beobachtende Phänomen zu, dass ich immer besser, Frank jedoch zumindest
relativ schlechter vorankommt. Mit 10.8 km/h bewältigte ich den Anstieg
im Durchschnitt, Frank war mit 10.2 km/h dabei, aber für Hobbyradler
waren wir sicher beide super unterwegs, machten kaum Pausen, genossen die
famose Aussicht und sind beide der Meinung, dass der Anstieg eigentlich
nicht wirklich schwer, dafür aber lang war. Einfach genial, wozu man nach
acht Tagen auf Tour imstande ist, denn ich bin felsenfest davon überzeugt,
dass auch der Großglockner heute nur wenig mit der Qual der vergangenen
Woche zu tun haben dürfte, hätte man ihn denn radeln müssen.
In Umhausen, einem lediglich 3000 Seelen eine
ständige Heimat gewährenden Nest im unteren Bereich des Ötztals, auch für
den international angeblich sehr erfolgreichen und mir gänzlich
unbekannten Schlagerstar „Gilbert“ bekannt, fanden wir ohne allzu große
Umschweife unser heutiges Hotel, wo gratis Kaffee und Kuchen auf Franks
Frage angeboten wurden, wie man uns denn die 42€ für die Übernachtung
pro Nase noch schmackhaft(er) machen könnte. Billiger, so die prompte
Auskunft, würde es nicht gehen, schließlich sei man ein 3-Sterne-Haus,
aber Kaffee und Kuchen, davon dürfte man nehmen. Frank verfiel natürlich
prompt der fetten Sahnetorte, ich beließ es bei zwei Tassen etwas
lauwarmen Kaffees, aber da wir beides mit aufs Zimmer und vor die Glotze
schleppten, wo wir dann den Niedergang Brasiliens in Südafrika
bewunderten, fühlte man sich auch flugs daheim.
Da das heutige Sportprogramm weder Frank noch
mich so wirklich auslastete und zwischen den beiden WM-Spielen des Tages
natürlich auch noch etwas Zeit war, verschlug es Frank am Abend noch in
den ortsnahen Badesee, während ich einen am Ende dann doch beinahe zwei
Stunden dauernden Spaziergang zum Stuibenfall, dem mit einer Fallhöhe von
159 Metern angeblich höchsten Wasserfall Tirols, unternahm. Wasserfälle,
so Frank, hätte er schon viele gesehen – und zog es somit vor, sich
selber ins Wasser fallen zu lassen. Der Aussage muss ich natürlich
prinzipiell zustimmen, hatte dann aber doch noch einen viel zu großen
Bewegungsdrang, um mich „faul“, gar wie ein Tourist auf
Erholungssuche, an den See oder aufs Hotelzimmer zu fletzen. Zum Wetter
einmal mehr keinen Kommentar – oder doch: Genial.