Stage 9
Moos - Umhausen übers Timmelsjoch
70,72 Kilometer; 03:52:42 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de)  

 

Während Frank mich gerade wohl eher spaßhaft als Asi tituliert, da ich, halb das Timmelsjoch hinauf, in einer eigens von ihm zur Pause auserkorenen Raststätte auf monetäre Tauschgeschäfte verzichte, erholen sich die Beine von den ersten vierzehn Kilometern am Joch. 14 Kilometer, die mir, stolz meine Konsumentensouveränität bewahrend und einen einsamen Schattenblatz belagernd, leider bei weitem nicht steil genug waren.  

Die ersten 100 Meter waren vielleicht noch relativ flach; dann ging es aber flugs (Bild rechts, Straße rechts) in den Berg hinein und nur unwesentlich später galt es bereits, die Aussicht auf Moos zu genießen. 

Wer jetzt vermutet, dass ich à la Popeye auf Epospinat vor Kraft nur so strotze und am liebsten gleich den Mount Everest auf einer bestimmt irgendwann von den Chinesen gebauten Asphalttrasse erradeln würde, sei in seine Schranken verwiesen, denn ich hätte einfach bereits gerne mehr hinter und weniger vor mir. Fakt ist und bleibt, dass wir von Moos aus, wo wir nächtigten und eher spartanisch abgefrühstückt wurden, 22 Kilometer und 1400-1500 Höhenmeter abspulen müssen, und wenn von den Höhenmetern rund acht Kilometer vor dem sich bestimmt nicht mehr verrückenden Gipfel noch etwa 700 Höhenmeter fehlen und der Berghang im gleißenden Sonnenlicht liegt, weiß man ziemlich genau, was schon war und was noch kommt. Wie damit umgehen? Frank hat den intelligenten Rat parat, dass man „wenn es gleich wehtut…einfach die Aussicht genießen (soll)“.  

Beschreiben lässt sich der heutige Bergritt am ehesten als Treppensteigen auf Riesenstufen (Panoramablick vom flachen Segment aus auf den im linken Bild über den Berg führenden Pass genau über diesen Zeilen). Aus Moos hinaus war es ohne jegliche Aufwärmphase acht Kilometer lang unheimlich steil und dann fünf viel zu lange Kilometer beinahe flach (+ 40 Höhenmeter). Und nun, mit dem stattlichen Rest, folgt halt die zweite Stufe, wohl steiler als die erste aus Moos hinaus und definitiv wesentlich luftiger. Andere Radler sind kaum am für Kraftfahrzeuge löblicherweise kostenpflichtigen Stieg zu sehen, aber wenn, dann sind sie einmal wieder schneller. Außer Frage steht jedoch, dass das Timmelsjoch ein wirklich würdiger Abschluss der diesjährigen Radelepisode und sicherlich eine der schönsten alpinen Passherausforderungen überhaupt ist. Durch das Tal auf den schon lange sichtbaren und sich hoch oben durch die karge Berglandschaft schlängelnden Serpentinenpass hin zu radeln ist einfach bloß atemberaubend – und genauso wird der Pass auch gleich werden, sobald Frank aufgetrunken hat und wir nicht nur vom Ausblick den Atem verlieren werden.

„…ich glaube ja sowieso, dass Radfahrer am Arsch einen Schalter eingebaut haben, mit dem sich beim Bergabfahren jede Vernunft ausschalten lässt“, zitiert das Ötztaler Touristenmagazin Rallyestar Röhrl (nicht, dass ich ihn kennen würde…) in einem Artikel über den Ötztaler Radmarathon, für dessen Pensum – 238 Kilometer und 5500 Höhenmeter über Kühtai, Brenner, Jauffenpass und Timmelsjoch – wir etwa drei volle Tage veranschlagen würden – und nicht etwas über neun Stunden wie die Bekloppten, die den Marathon Jahr für Jahr gewinnen. Der Reiz des Marathons, so wird einer der Organisatoren vollmundig zitiert, liegt auch darin, „in der modernen Welt Freiräume zur Selbsterfahrung zu schaffen, denn wo hat der arbeitende Mensch…heute noch die Möglichkeit dazu, etwas mit allen Sinnen zu spüren und an seine Grenzen zu gehen?“. Nicht böse gemeint, aber wahrscheinlich hat es auch etwas mit der Art der Arbeit zu tun, aber auch für Schreibtischhengste wie Frank oder kreideschwingende Nichtpraktiker wie mich müsste diese Aussage ja so zutreffen - und für mich war bereits unser heutiger Tag ganzheitliche Erfahrung jenseits des Alltagslebens genug. Wie viele normale, moderne Arbeitsmenschen den Marathon auch wirklich fahren können sei einmal dahingestellt, aber normal ist dort im Teilnehmerfeld bestimmt niemand mehr.

Rückblickend lässt sich heute berichten, dass wir auf den ersten zehn Kilometern des Tages gleich 631 Höhenmeter kraxeln mussten, auf den zweiten zehn Kilometern 585 Höhenmeter und dann noch einmal rund 180 auf den letzten beiden, die es wirklich in sich hatten. Kilometer acht bis dreizehn waren, wie bereits berichtet, vollends flach, so dass diese Zehnkilometerstatistiken auch nur bedingt dazu taugen, die Schwierigkeit der Streckensegmente genau wiederzugeben. Da wir heute sofort vom Ortsausgang von Moos aus in den steilen Anstieg hineinarbeiteten, lassen auch die bis zum Pass geradelten Durchschnittsgeschwindigkeiten Rückschlüsse auf das seit Tagen zu beobachtende Phänomen zu, dass ich immer besser, Frank jedoch zumindest relativ schlechter vorankommt. Mit 10.8 km/h bewältigte ich den Anstieg im Durchschnitt, Frank war mit 10.2 km/h dabei, aber für Hobbyradler waren wir sicher beide super unterwegs, machten kaum Pausen, genossen die famose Aussicht und sind beide der Meinung, dass der Anstieg eigentlich nicht wirklich schwer, dafür aber lang war. Einfach genial, wozu man nach acht Tagen auf Tour imstande ist, denn ich bin felsenfest davon überzeugt, dass auch der Großglockner heute nur wenig mit der Qual der vergangenen Woche zu tun haben dürfte, hätte man ihn denn radeln müssen.

In Umhausen, einem lediglich 3000 Seelen eine ständige Heimat gewährenden Nest im unteren Bereich des Ötztals, auch für den international angeblich sehr erfolgreichen und mir gänzlich unbekannten Schlagerstar „Gilbert“ bekannt, fanden wir ohne allzu große Umschweife unser heutiges Hotel, wo gratis Kaffee und Kuchen auf Franks Frage angeboten wurden, wie man uns denn die 42€ für die Übernachtung pro Nase noch schmackhaft(er) machen könnte. Billiger, so die prompte Auskunft, würde es nicht gehen, schließlich sei man ein 3-Sterne-Haus, aber Kaffee und Kuchen, davon dürfte man nehmen. Frank verfiel natürlich prompt der fetten Sahnetorte, ich beließ es bei zwei Tassen etwas lauwarmen Kaffees, aber da wir beides mit aufs Zimmer und vor die Glotze schleppten, wo wir dann den Niedergang Brasiliens in Südafrika bewunderten, fühlte man sich auch flugs daheim.

Da das heutige Sportprogramm weder Frank noch mich so wirklich auslastete und zwischen den beiden WM-Spielen des Tages natürlich auch noch etwas Zeit war, verschlug es Frank am Abend noch in den ortsnahen Badesee, während ich einen am Ende dann doch beinahe zwei Stunden dauernden Spaziergang zum Stuibenfall, dem mit einer Fallhöhe von 159 Metern angeblich höchsten Wasserfall Tirols, unternahm. Wasserfälle, so Frank, hätte er schon viele gesehen – und zog es somit vor, sich selber ins Wasser fallen zu lassen. Der Aussage muss ich natürlich prinzipiell zustimmen, hatte dann aber doch noch einen viel zu großen Bewegungsdrang, um mich „faul“, gar wie ein Tourist auf Erholungssuche, an den See oder aufs Hotelzimmer zu fletzen. Zum Wetter einmal mehr keinen Kommentar – oder doch: Genial.  

Radfahren macht dumm - zumindest das Foto rechts unten scheint diesen empirisch sicherlich 
kaum haltbaren Eindruck zu bestätigen.