
Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke
(berntpv@gmx.de)
Ich
weiß nicht mehr wirklich, warum ich auf unserer zweiten Radtour mit dem
Schreiben dieser Tagebücher anfing, aber wahrscheinlich war es eine
Mischung aus meiner Sympathie zum auch selbstgeschriebenen Wort, der Möglichkeit
der medialen
Selbstglorifizierung jenseits jeglichen öffentlichen
Interesses und dem Gefühl, mit diesen Radreisen etwas wirklich Besonderes
zu erleben – auch wenn zumindest die Fahrradmeuten in den Alpen
mittlerweile jeglichen Alleinstellungscharakter unserer
Unterfangen
zunichte machen. Auch machen einem die Meuten schnell bewusst, dass wir
sportlich eher auf dem Niveau von „nett und niedlich“ herumradeln,
stumpf gesagt die meisten Rennradler rings um uns herum wesentlich
schneller unterwegs sind. Aber trotz allem: Wenn ich wie vor einigen
Abenden, etwas meine eigene Form bemosernd, trotzdem noch meinte, dass
neun von zehn Leuten in einer beliebigen Fußgängerzone diese Tour nicht
schaffen oder zumindest wagen würden, eine Aussage, die Frank heute in
etwas abgewandelter Form (sieben oder acht von zehn) auch verwendete, dann
stimmt bestimmt auch das. Und nur weil mittlerweile so etwas wie eine
Fahrradtour nach Paris den Charme des Abenteuers verloren hat und der
erste Gedanke ist, dass das ja alles a) nicht so weit, b) nicht so schwer
und c) nicht so komplex zu organisieren ist, war dies vor vielen Jahren
noch ganz anders. Was die Liebe zum geschriebenen Wort angeht erkundigte
sich Frank gestern auch noch, wie man sich denn als
quasi-ungelesener Autor fühlt, nachdem ja letztes Jahr auch endlich mein
„Erstlingswerk“ in Druck ging – wenn auch nur im Quasi-Selbstverlag.
Ohne es hier mit der Werbung übertreiben zu wollen oder gar darauf zu
verweisen, dass zwar a) fast niemand das Buch kennt und b) noch fast
niemander es auch gekauft hat, sollte allerdings zumindest erwähnt
werden, dass diejenigen, die es bis dato taten, viel Freude daran hatten.
Besonders gut auch das Zitat eines Lesers, im Urlaub „Marie“ und ein
Buch von Terry Pratchett im Gepäck gehabt zu haben – und das eine Buch
binnen weniger Tage verschlungen zu haben und das andere, tja, das andere
war wohl nicht gerade Terrys literarische Glanzstunde.
Zurück zum Radfahren, mutet es interessant
an, dass ich mich an meinen schwachen Tagen zu Tourbeginn in Vergleiche à
la „9 von 10“ flüchtete und Frank mich mittlerweile quasi zitiert,
denn wie Frank feststellte, erleben wir gerade das auch statistisch
interessante Phänomen, dass meine Form Tag für Tag sprunghaft ansteigt,
er hingegen entweder stagniert oder gar abbaut – das Phänomen der
kumulativen Erschöpfung macht die Runde. Ich für meinen Teil weiß nur,
dass ich heute einen bärenstarken 2000-Höhenmeter-Tag auf den Asphalt
briet und die quasi über 17 Kilometer durchgehende Steigung von sieben
bis acht Prozent von Stegnitz hinauf bis zum Jauffenpass mit rund 11 km/h
und einer Pause durchradelte – bei angenehmen 35 Grad. Wenn ich mein
heutiges „Ich“ mit jenem „Ich im Sattel“ vergleiche, dass mit
etwas mehr als der hälftigen Geschwindigkeit und einem guten Dutzend
Pausen eingangs den Großglockner erklomm, wird mir beinahe etwas komisch,
denn der leistungsmäßige Quantensprung ist einfach nur phänomenal, vor
allem, da es nicht einen einzigen (echten) Ruhetag gab. Vielleicht lag die
heutige Leistung jedoch auch daran, dass der vom Magazin „tour“ als
einer der zehn schönsten Alpenpässe auserkorene Stieg meiner
Meinung
nach höchstens durchschnittlich schön war und es daher auch wenig zu
sehen gab, denn es war so, dass man von Stegnitz auf 1150 Höhenmetern aus
erst einmal ellenlange 800 Höhenmeter nur durch einen dichten Wald
radelte, bis es endlich einmal etwas für die Augen gab. Dazu kam, dass
der Wald natürlich auch ständig Schatten spendete, aber die Faszination
der exponierten Bergwelt oberhalb der Baumgrenze beschränkte sich auf die
finalen 300 Höhenmeter – mehr aber auch nicht. Es bleibt somit der
mulmige Eindruck, dass die Autoren des Magazins entweder nicht furchtbar
viel herumgekommen sind oder oben am Pass mit diversen Gratismahlzeiten
dazu bewogen wurden, den Pass schöner zu finden, als er denn da wirklich
war.
Ebenfalls hoch oben am Pass exponierte sich
dann das Unwissen einiger durchaus interessierter Motorradler, die Frank
fragten, ob in Fahrradreifen denn auch Luft drin sei und wie weit wir am
Tag denn so fahren würden – „So etwa 200 Kilometer?“. Was soll man
auf diese beiden Fragen noch antworten, aber andererseits: Wieso soll man
arrogant vom hohen Ross die Naivität der anderen geißeln, wenn man
selbst von deren Mopeds auch keinen blassen Schimmer hat, die posierten
Fotos der Motorradspacken am Passschild jedoch pauschalisierend für
weniger „verdient“ hält als das eigene nicht minder gestellte Foto?
Und was weiß man schon in dieser Welt, in der man tagtäglich versteht,
dass man eigentlich nichts versteht und nie weiß, was man nicht weiß?
Vielleicht hat einer der Mopedfahrer gerade eine schwere Krebserkrankung
überstanden und sitzt nun entgegen jeglicher statistischer
Wahrscheinlichkeit doch wieder fest im Sattel, hat gerade den ersten Pass
nach vielen leidvollen Monaten oder gar Jahren „erfahren“ und weiß
nun einmal nicht, was überhaupt in Rennradreifen drin ist? Und ich
arroganter Schnösel tituliere ihn einen unwissenden Dödel, der das
eigene Passfoto nicht wert ist – zumindest im Sinne einer angemessenen
„Erringung“ der Höhe? Mit einer solchen Empathiefähigkeit müsste
ich eigentlich Kranführer in einem südchinesischen Überseehafen oder
Vorarbeiter bei Foxconn sein
– aber nicht Pauker.
Einer gehörigen Portion Empathie bedurfte
auch Frank, als er sich heute im Zielort einfach auf den Boden fallen ließ,
während ich
bei der Touristeninformation nach Übernachtungsmöglichkeiten
suchte. Frank, sauber den verzweifelten Käfer in Rückenlage mimend,
wollte zwar auch noch wissen, ob die Angestellte des auch aus Bodenlage
heraus zu sehenden Büros heute Abend wohl noch Zeit hätte, konnte oder
wollte der Frage dann aber nicht selber nachgehen, während ich mich
vorweg um die Übernachtungen kümmerte und ihm in einem Prospekt die möglichen
Optionen vorstellte – allesamt sowohl von den abgedruckten Bildern als
auch den angegebenen Preisen quasi austauschbar. Empathie – auf richtig
niedrigem Niveau – bedarf auch mein linkes Knie. Partiell mag die
Zwickerei auch am heute forschen Tritt liegen, aber getreu dem schon
mehrfach bemühten Konzept der kumulativen Erschöpfung dürfte das Knie
nur wenig dagegen haben, in ein paar Tagen erst einmal wieder einen Zug
ins norddeutsche Flachland zu nehmen. Allerdings – soviel latente
Vorfreude auf die Heimkehr, Imkes Geburtstag und auch Norwegen hier
mitschwingen darf – Tage wie heute sind es, die einfach bloß ohne
jegliche Randbemerkungen, Fußnoten oder Einschränkungen genial sind und
Laune machen. Auch wenn der Tour insgesamt so etwas wie ein richtiges Ziel
fehlt, denn zwischen Salburg und Innsbruck muss man nicht zehn Tage auf
dem Rad verbringen, wenn man es denn stringent angeht, hat mir die heutige
alpine Radbeschäftigungstherapie einfach nur unheimlich gut gefallen.
Wetter, Strecke, Unterkunft, Zielort: Alles wie aus einem Guss – und über
das Timmelsjoch kommt Frank morgen auch noch drüber, auch wenn er heute
in seiner sicherlich auch leicht inszenierten Käferpose nicht den
Eindruck vermittelte, heute noch allzu viel davon hören zu wollen.
Der gute Christian Wulff ist gestern übrigens
doch noch Bundespräsident geworden – eine Wahl, die, da muss ich Frank
absolut zustimmen, alles andere als optimal scheint, da das zukünftige
repräsentative Oberhaupt der Nation bestenfalls seit politischen
Nanosekunden dem parteipolitisch dominierten Alltagsgeschäft entkommen
ist und zumindest angezweifelt werden sollte, ob man, direkt aus dem
Ministeramt nach Bellevue stolpernd, wirklich für die kommenden Aufgaben
prädestiniert und in der Lage ist, etwas den Überparteilichen abzugeben.
Etwas
überirdisch Gutes hingegen steht für uns morgen auf dem Programm –
Franks zweites „to-do“-Highlight der Tour steht auf dem Programm –
das Timmelsjoch.
