Stage 8
Brixen - Moos
79,91 Kilometer; 04:36:22 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de) 

Ich weiß nicht mehr wirklich, warum ich auf unserer zweiten Radtour mit dem Schreiben dieser Tagebücher anfing, aber wahrscheinlich war es eine Mischung aus meiner Sympathie zum auch selbstgeschriebenen Wort, der Möglichkeit der medialen Selbstglorifizierung jenseits jeglichen öffentlichen Interesses und dem Gefühl, mit diesen Radreisen etwas wirklich Besonderes zu erleben – auch wenn zumindest die Fahrradmeuten in den Alpen mittlerweile jeglichen Alleinstellungscharakter unserer Unterfangen zunichte machen. Auch machen einem die Meuten schnell bewusst, dass wir sportlich eher auf dem Niveau von „nett und niedlich“ herumradeln, stumpf gesagt die meisten Rennradler rings um uns herum wesentlich schneller unterwegs sind. Aber trotz allem: Wenn ich wie vor einigen Abenden, etwas meine eigene Form bemosernd, trotzdem noch meinte, dass neun von zehn Leuten in einer beliebigen Fußgängerzone diese Tour nicht schaffen oder zumindest wagen würden, eine Aussage, die Frank heute in etwas abgewandelter Form (sieben oder acht von zehn) auch verwendete, dann stimmt bestimmt auch das. Und nur weil mittlerweile so etwas wie eine Fahrradtour nach Paris den Charme des Abenteuers verloren hat und der erste Gedanke ist, dass das ja alles a) nicht so weit, b) nicht so schwer und c) nicht so komplex zu organisieren ist, war dies vor vielen Jahren noch ganz anders. Was die Liebe zum geschriebenen Wort angeht erkundigte sich Frank gestern auch noch, wie man sich denn als quasi-ungelesener Autor fühlt, nachdem ja letztes Jahr auch endlich mein „Erstlingswerk“ in Druck ging – wenn auch nur im Quasi-Selbstverlag. Ohne es hier mit der Werbung übertreiben zu wollen oder gar darauf zu verweisen, dass zwar a) fast niemand das Buch kennt und b) noch fast niemander es auch gekauft hat, sollte allerdings zumindest erwähnt werden, dass diejenigen, die es bis dato taten, viel Freude daran hatten. Besonders gut auch das Zitat eines Lesers, im Urlaub „Marie“ und ein Buch von Terry Pratchett im Gepäck gehabt zu haben – und das eine Buch binnen weniger Tage verschlungen zu haben und das andere, tja, das andere war wohl nicht gerade Terrys literarische Glanzstunde.  

Zurück zum Radfahren, mutet es interessant an, dass ich mich an meinen schwachen Tagen zu Tourbeginn in Vergleiche à la „9 von 10“ flüchtete und Frank mich mittlerweile quasi zitiert, denn wie Frank feststellte, erleben wir gerade das auch statistisch interessante Phänomen, dass meine Form Tag für Tag sprunghaft ansteigt, er hingegen entweder stagniert oder gar abbaut – das Phänomen der kumulativen Erschöpfung macht die Runde. Ich für meinen Teil weiß nur, dass ich heute einen bärenstarken 2000-Höhenmeter-Tag auf den Asphalt briet und die quasi über 17 Kilometer durchgehende Steigung von sieben bis acht Prozent von Stegnitz hinauf bis zum Jauffenpass mit rund 11 km/h und einer Pause durchradelte – bei angenehmen 35 Grad. Wenn ich mein heutiges „Ich“ mit jenem „Ich im Sattel“ vergleiche, dass mit etwas mehr als der hälftigen Geschwindigkeit und einem guten Dutzend Pausen eingangs den Großglockner erklomm, wird mir beinahe etwas komisch, denn der leistungsmäßige Quantensprung ist einfach nur phänomenal, vor allem, da es nicht einen einzigen (echten) Ruhetag gab. Vielleicht lag die heutige Leistung jedoch auch daran, dass der vom Magazin „tour“ als einer der zehn schönsten Alpenpässe auserkorene Stieg meiner Meinung nach höchstens durchschnittlich schön war und es daher auch wenig zu sehen gab, denn es war so, dass man von Stegnitz auf 1150 Höhenmetern aus erst einmal ellenlange 800 Höhenmeter nur durch einen dichten Wald radelte, bis es endlich einmal etwas für die Augen gab. Dazu kam, dass der Wald natürlich auch ständig Schatten spendete, aber die Faszination der exponierten Bergwelt oberhalb der Baumgrenze beschränkte sich auf die finalen 300 Höhenmeter – mehr aber auch nicht. Es bleibt somit der mulmige Eindruck, dass die Autoren des Magazins entweder nicht furchtbar viel herumgekommen sind oder oben am Pass mit diversen Gratismahlzeiten dazu bewogen wurden, den Pass schöner zu finden, als er denn da wirklich war.

Ebenfalls hoch oben am Pass exponierte sich dann das Unwissen einiger durchaus interessierter Motorradler, die Frank fragten, ob in Fahrradreifen denn auch Luft drin sei und wie weit wir am Tag denn so fahren würden – „So etwa 200 Kilometer?“. Was soll man auf diese beiden Fragen noch antworten, aber andererseits: Wieso soll man arrogant vom hohen Ross die Naivität der anderen geißeln, wenn man selbst von deren Mopeds auch keinen blassen Schimmer hat, die posierten Fotos der Motorradspacken am Passschild jedoch pauschalisierend für weniger „verdient“ hält als das eigene nicht minder gestellte Foto? Und was weiß man schon in dieser Welt, in der man tagtäglich versteht, dass man eigentlich nichts versteht und nie weiß, was man nicht weiß? Vielleicht hat einer der Mopedfahrer gerade eine schwere Krebserkrankung überstanden und sitzt nun entgegen jeglicher statistischer Wahrscheinlichkeit doch wieder fest im Sattel, hat gerade den ersten Pass nach vielen leidvollen Monaten oder gar Jahren „erfahren“ und weiß nun einmal nicht, was überhaupt in Rennradreifen drin ist? Und ich arroganter Schnösel tituliere ihn einen unwissenden Dödel, der das eigene Passfoto nicht wert ist – zumindest im Sinne einer angemessenen „Erringung“ der Höhe? Mit einer solchen Empathiefähigkeit müsste ich eigentlich Kranführer in einem südchinesischen Überseehafen oder Vorarbeiter bei Foxconn sein – aber nicht Pauker.  

Einer gehörigen Portion Empathie bedurfte auch Frank, als er sich heute im Zielort einfach auf den Boden fallen ließ, während ich bei der Touristeninformation nach Übernachtungsmöglichkeiten suchte. Frank, sauber den verzweifelten Käfer in Rückenlage mimend, wollte zwar auch noch wissen, ob die Angestellte des auch aus Bodenlage heraus zu sehenden Büros heute Abend wohl noch Zeit hätte, konnte oder wollte der Frage dann aber nicht selber nachgehen, während ich mich vorweg um die Übernachtungen kümmerte und ihm in einem Prospekt die möglichen Optionen vorstellte – allesamt sowohl von den abgedruckten Bildern als auch den angegebenen Preisen quasi austauschbar. Empathie – auf richtig niedrigem Niveau – bedarf auch mein linkes Knie. Partiell mag die Zwickerei auch am heute forschen Tritt liegen, aber getreu dem schon mehrfach bemühten Konzept der kumulativen Erschöpfung dürfte das Knie nur wenig dagegen haben, in ein paar Tagen erst einmal wieder einen Zug ins norddeutsche Flachland zu nehmen. Allerdings – soviel latente Vorfreude auf die Heimkehr, Imkes Geburtstag und auch Norwegen hier mitschwingen darf – Tage wie heute sind es, die einfach bloß ohne jegliche Randbemerkungen, Fußnoten oder Einschränkungen genial sind und Laune machen. Auch wenn der Tour insgesamt so etwas wie ein richtiges Ziel fehlt, denn zwischen Salburg und Innsbruck muss man nicht zehn Tage auf dem Rad verbringen, wenn man es denn stringent angeht, hat mir die heutige alpine Radbeschäftigungstherapie einfach nur unheimlich gut gefallen. Wetter, Strecke, Unterkunft, Zielort: Alles wie aus einem Guss – und über das Timmelsjoch kommt Frank morgen auch noch drüber, auch wenn er heute in seiner sicherlich auch leicht inszenierten Käferpose nicht den Eindruck vermittelte, heute noch allzu viel davon hören zu wollen.  

Der gute Christian Wulff ist gestern übrigens doch noch Bundespräsident geworden – eine Wahl, die, da muss ich Frank absolut zustimmen, alles andere als optimal scheint, da das zukünftige repräsentative Oberhaupt der Nation bestenfalls seit politischen Nanosekunden dem parteipolitisch dominierten Alltagsgeschäft entkommen ist und zumindest angezweifelt werden sollte, ob man, direkt aus dem Ministeramt nach Bellevue stolpernd, wirklich für die kommenden Aufgaben prädestiniert und in der Lage ist, etwas den Überparteilichen abzugeben.

Etwas überirdisch Gutes hingegen steht für uns morgen auf dem Programm – Franks zweites „to-do“-Highlight der Tour steht auf dem Programm – das Timmelsjoch.